Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der Weg zum Deutschtum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 61 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Weg: zum Deutschtum für den Weg auch der Judenheit. Seit mehr als einem Jahrhundert ringen sie wie die Verzweifelten um ein Deutschtum, das sie einmal aui falschem Wege suchen und das sich ihnen zum zweiten seinerseits verwehrt. Unter den Männern des Geistes, denen der Eingang geglückt ist und die deshalb zu den Wünschenswerten gehören, nennt Schmitz Gundolf und Stefan Zweig. Wie merkwürdig, daß er gerade diese beiden herausgreift. Die Liste der deutschen Juden, die als Mehrer der deutschen Kultur (Schmitz sagt: der arischen Kultur) zu bezeichnen sind, weist eine solche Fülle von Namen auf, daß sie in gar keinem Verhältnis mehr zur Zahl der Juden unter den Deutschen stehen. Solchen Namen wird nun der entwurzelte Jude gegenübergestellt, „der durch die künstliche Aufrechterhaltung seines inhaltlosen Außenseitertums alle Segnungen der gesetzlichen. Judenbefreiung zunichte macht." Aber was ist das für eine sonderbare Konstruktion von Gegensätzen! Zwischen diesen Männern und der Masse liegt kein Unterschied der Gesinnungen und des Willens, sondern der geistigen Fähigkeiten. Es sind keine Einzelnen, die ein Zeugnis gegen die andern ablegen, sondern im Gegenteil: diese Fülle hervorragender Einzelner ist ein Zeugnis für die Masse, die sie gestellt hat und ohne die sie nicht wären. Derselbe Drang zum Deutschtum, der sich bei ihnen in Leistungen dokumentiert, lebt auch unter den Namenlosen, die die Mehrheit bilden. Nur daß der Geistige Möglichkeiten der Verwurzelung hat, die dem Durchschnitt versagt sind. Trotzdem ist es richtig, den Geistigen als Beleg heranzuziehen, denn in seiner Leistung kommen ja nur sinnbildlich die Tendenzen und Kräfte zum Ausdruck, die in der Masse ihr verborgenes Dasein führen. Wenn man Wassermanns tief deprimierende Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" liest, so wird man auch hier nur einen Ausdruck jener geradezu verzweifelten Hingabe finden, die das deutsche Judentum als Ganzes von jeher beseelt hat und beseelt. Wenn eine spätere Zeit von dieser nichts findet als Wassermanns Schrift, so hat sie in ihr das deutliche Bild vom jüdischen Verhältnis zum Deutschtum seit den Tagen der Emanzipation. Aber sie hat darin auch gleichzeitig das Gegenstück: das deutsche Verhältnis zum Judentum. Unter den Männern der Tat, die es bewiesen haben, wie man in die christlich-arische Kultursphäre eingeht, nennt Schmitz Disraeli. Ich betrachte den Fall Disraeli umgekehrt als einen Beweis für das Verständnis der Engländer, ihre großen Männer zu nutzen, gleichgültig, welcher Abstammung 3ie sind. Die Deutschen hätten sich einen Disraeli niemals gefallen lassen. In diesem einen Punkte darf man Rathenau und Landauer mit Disraeli vergleichen; sie sind erschossen worden wie Hunde, Glaubt man, daß ein deutscher Disraeli diesem Schicksal entgangen 61