Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der Weg zum Deutschtum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 60 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110009--7671-3110118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gustav Krojankor II. Vor mir liegen zwei Aufsätze: einer von Wolf gang Schumann, dem Herausgeber des „Kunstwart4 \: der andere von Oscar A. H. Schmitz. „Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden*e ist der Aufsatz von Schmitz überschrieben. Und Schumann hat das Problem mit der Überschrift „Deutsche und jüdische ,Schuld' und Aufgabe" versehen. Er kommt dabei auf die gleiche Scheidung heraus, wie überhaupt beide Schriftsteller, sö verschieden sie sonst in ihren Anschauungen sein mögen, hier im Kern sehr ähnliche Gedankengänge entwickeln. Als nicht wünschenswert wird der liberale Jude empfunden, der nach Schmitz nicht entschlossen genug in „jene christlich-arische Kultursphäre eingeht, in der er längst kein Fremder mehr ist, sich nur durch künstliche Abwehr fremd erhält'Als „schuldig" bezeichnet Schumann eben diese selben Juden, die nicht als „echte, produktive, mitfreudige, das Volkstum bejahende Glieder des Ganzen empfunden werden können*\ Die Zionisten werden von beiden Schriftstellern ausgenommen: sie gelten als wünschenswert und als nichtschuldig. Aber der Zionismus löst das deutsch-jüdische Problem nicht; er ist für dies nur eine Teillösung und kann auch sie erst für eine fernere Zukunft versprechen. Und so sehr dem nationalen Juden die zionistische Sache im Vordergrund stehen mag, so wenig darf er sich den Aufgaben verschließen, die die Gegenwart allenthalben an ihn stellt. Deshalb darf er sich bei der ihm eingeräumten Ausnahmestellung nicht beruhigen, sondern hat seinerseits entscheidend in eine Diskussion einzugreifen, deren Fragestellung er überhaupt erst verdeutlicht und ins Bewußtsein beider Parteien gerückt hat. Der Vorwurf beider Kritiker also geht auf bewußte Zurückhaltung, auJ künstliche Entfremdung, will sagen: auf einen unfreundlichen und unerfreulichen Willensakt des deutschen Judentums. Ich kann mir ein schwereres Verkennen der ganzen jüdischen Entwicklung von den Tagen der Emanzipation bis heute nicht vorstellen. In Wahrheit ist in diesen anderthalb Jahrhunderten ein ungeheures Maß von Geist und Liebe aufgewandt worden, um das Judentum mit der Umwelt in Einklang zu bringen. Dies verwässerte Halbjudentum, das heute als nicht wünschenswert und schuldig bezeichnet wird, ist doch nichts als eine Folge eben des Bestrebens, „sich fremden Anforderungen anzupassen". Es ist zu diesem Zweck in seinem Kern verfälscht, zur „Konfession" gemacht und gleichzeitig mit seinen Formen auch seiner wahren Inhalte immer mehr beraubt worden. Diese Verwässerung und Verfälschung ist nur ein Ausdruck 60