Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 49 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe Opfer der Demagogie und leider auch einer fatalen Impotenz und Bangigkeit; Dieser Zustand des Jammers zwingt uns, aus purer Vorsicht stets erst das Abc abzuklappern, bevor wir zur Bibel oder zum Lesebuch oder gar zu höheren Diskussionen vorschreiten können. Die eigentlichen ,Probleme*' liegen in anderen Ebenen. Sie liegen dort, wo die eigentlichen Probleme immer liegen. Alle Angelegenheiten von Nationalismus, Volkstum, Antisemitismus usw. usw. tragen das Zeichen der Zeitlichkeit. Und das Zeichen der „Äußerlichkeit" dazu. Kein Mysterismus von „Blut' '-Geheimnissen, Rasseherrlichkeit und Volkstum-Göttlichkeit — der übrigens im Judentum auch allzu oft auftritt — wird es aus der Welt schaffen,, daß die damit verknüpften Tendenzen im wesentlichen nur wenig veredelte physische Instinkte sind, die man auf diesem Felde hochtragisch nimmt, während man sie dort, wo sie viel mehr „Recht" haben, etwa im Geschlechtlichen, über Gebühr und Besinnung hinaus bekämpft, einzuschränken und zu entwurzeln trachtet. Instinktlose Instinktvergötzung.. . Ich spreche nun von geistigen Entwicklungen. Entspannungen im Äußerlichen vorausgesetzt, wie ich sie angedeutet habe, würden Spannungen erst voll zutage treten, sich „spannen", vielleicht fruchtbar werden, die das „eigentliche", das reine Grundverhältnis zwischen Deutschen und Juden in Deutschland charakterisieren, und von denen wir bis heute nur mehr oder weniger getrübte und vielfach sterilisierte Formen kennen. Es bleibt die Aufgabe einer wirklich umfassenden Betrachtung, von den getrübten und von den reineren Spannungen dieser Art Rechenschaft zu geben. Obzwar solche Volkheit-Spannungen sich zunächst unterhalb der Oberfläche des Bewußtseins auswirken, kann ihre Betrachtung nicht davon abgehen, sie einer Rahmenvorstellung, einem Fragepunkt unterzuordnen. Und es ist klar, welche Frage den Richtpunkt trifft. Verständigung über gesellschaftlich-menschliche oder gar staatsrechtliche Konflikte bedeutet an und für sich nur unproduktive Vorarbeit der Atmosphärenreinigung. Was aber geschieht dann im Geistigen? Welcher Schritt zur Gestaltung Europas wird damit erleichtert oder ermöglicht? Das ist die Kernfrage. Es werden ernstliche Zweifel möglich sein, ob die Richtung auf „Europa" überhaupt in Frage steht. — Ich nenne ein Wort und berühre ein Problem, das auch die Zionisten zu innerst angeht. So wenig wie ich selber darüber je zur Klarheit gekommen bin, so wenig habe ich sie in zionistischen Kreisen gefunden: ob die Bewegung hinweist auf eine vorderasiatische Sonder-KIeinkultur, Der Jude, Sonderheft, 4 49