Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 50 (sequence 18)
- Language
- German
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Wolfgang Schumann oder ob sie Fühlung mit Europa halten wird. Einstweilen steuert sie jüdische Kräfte schon dadurch in die Enge eines sehr kleinen Sonderkreises, daß sie sie zur hebräischen Sprache bestimmt, welche ihre Träger im Verein mit der klimatischen Entwöhnung und der sozialen Umstellung zum Ausscheiden aus Europas Bannkreis verurteilt. Ich kenne sehr wohl das Entwicklungsziel; es ist ein moralisches und ästhetisches zugleich; die Radikalität tiefer und ernstester Antriebe begreife ich, welche dieses Ziel verabsolutiert. Ich kenne nicht minder den Hauch der Wohlgeborenheit, der heute schon einige palästinensische Menschen umwittert. Doch mache ich auf den ungeheuren Preis aufmerksam, der zu zahlen notwendig scheint: Enteuropäisierung. Vorübergehender Pessimismus, ephemere Großstadtmüdigkeit und nackte Notstandsgesinnung mag ihn heute klein nennen. Sie irren sich, soweit sie sich als Dauereinstellungen geistiger Menschen auffassen! Der Preisi ist ungeheuer. Und gerade für Juden ohne Frage doppelt hoch.» Hier liegt, es offen zu sagen, der letzte geistige Grund, warum ich1 nicht an einen a 11 umfassenden Erfolg" der zionistischen Bewegung glaube. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß ein Teil der Juden innerlich an Europa gekettet ist, und dieses Erdteils Zukunft verpflichtet. Man wirft in „nationalen" Kreisen den Juden .,Internationalismus4 ' vor. Ich entkleide diese Rede zunächst des Vorwurfs, der darin liegen soll; die gemeinte Wesensart halte ich für meist unentrinnbare Folge von unentrinnbaren Widerfahrnissen des Einzellebens, und solche Gefühlseinstellungen ziemt es m. E. nicht zum Gegenstand moralisch betonter Entwertungskämpfe zu machen. Doch der Wesenszug als solcher ist freilich nicht selten im Judentum, und ich bedauere ihn. Ich tue es, weil er nicht weltmäßige, geistig vielumfassende Einstellung ist, sondern ungefestigte All- und Allzuempfänglichkeit. Ich spreche von unser aller Zukunft. Die Gegenwart trägt noch immer das Jammerzeichen der Reizsamkeit; sie sucht — ich ziele auf die vorwärts treibenden Zentren — Geisteswerte und Festgehalte in ekstatischen Veranstaltungen, in Reizhäufungen, in protestlerischem Nihilismus, in Askese, Gebärdenbetrieb und Exotismus, je nachdem.. . Hieran hat einstweilen die Judenheit ein tüchtig Maß von Mitschuld. Sie läuft allzu verantwortungslos mit dem Kulturkabarettismus mit und ist bestechbar von jeder Nouveaute des Reizmarktes. Um einer mittleren Sensation willen verkauft sie den Rest europäischen Erbes und große europäische Hoffnungen. Denn freilich: ich stelle jenem „Kabarettismus'4 nicht die romantischen Reize bäuerlicher Gebrauchskunst, ländlicher Trachten und Schnadahüpfln, auch nicht die lauen Annehmlichkeiten sogenannter Heimat- 5°