Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 48 (sequence 16)
- Language
- German
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Wolfgang Schumann niemals Fühlung mit Geistigem gehabt haben, ganz zu schweigen. Die einzige Partei, die eine gewisse jenseits des Parteibetriebes geltende Autorität bewahrt hat, ist das Zentrum; aber es repräsentiert zu wenige Deutsche und ist durch den Abfall Bayerns territorial eingeschränkt. Andere autoritative Institutionen sind erst rech' kaum da; die evangelische Kirche lahmt auf beiden Beinen; die Kulturbünde sind durch die materielle Not mattgesetzt; die Lehrer- und Hochschullehrer-Verbände sind verstrickt in Interessenkämpfe; alle Körperschaften bangen bei jeder Entschließung um ihr politisches Prestige und würden vor einer großzügig-freimütigen Haltung in der Judenfrage furchtsam zurückschrecken, obwohl noch immer Zehntausende von Gebildeten dafür zu haben wären — der immaterielle mehr noch als der materielle Terror radikaler Hazard-, Interessen- und Gewaltpolitiker hat die öffentliche Gesinnung mehr noch korrumpiert als die öffentliche Meinung. Indem ich diesen Aufsatz veröffentliche, bin ich mir bewußt, mich nicht nur gemeinen Beschimpfungen auszusetzen, was mir gleichgültig ist, sondern auch dem feineren ,, Miß trauen4 ', dem in fiebrigen Zeiten jede grundsätzliche Besonnenheit und Besinnung begegnet — das ist die Lage. Es scheint notwendig, weittragende pragmatische Anliegen einer entfieberten Zukunft zuzuschieben... Was im Vorstehenden behandelt und ausgesprochen wurde, sind Banalitäten in geistigem, primitive Angelegenheiten in pragmatischem Betracht. Ich weiß das wohl. Es; wäre spannender, reizvoller und in tieferen Schichten fruchtbar, auf eine andere Art zu reden. Die gegenwärtige Lage aber zwingt uns, zuvor reinen Tisch zu machen. Was sich von selbst versteht, gerade das versteht niemand mehr. Keine Voraussetzung des Anstands, der Loyalität, der nüchternen Einsicht hat mehr Geltung. Sogar Kreise, in denen dem Judentum menschlich-praktisch Loyalität entgegengebracht wird, leben in einer zwanghaften Stimmung; ihre Loyalität entspringt aus einem dunklen Gefühl, daß Menschen „doch Menschen seien" und als solche Menschlichkeit und Loyalität beanspruchen dürften; sie entspringt allenfalls aus Gewissenhaftigkeit; dahinter aber lagert Mißbehagen und Unsicherheit, Zwiespältigkeit und gar schlechtes Gewissen" gegenüber dem eigenen Volkstum, als ob man es „verriete", wenn man sich von der Gesinnung seiner barbarisch-fanatischen Träger abscheidet. Selbst bei durchaus noblen Charakteren bin ich dieser Doppelhaltung gegenüber dem Judentum begegnet, die einerseits über die wirklichen Probleme hinwegzukommen trachtet, indem sie sie, als geistig unwichtig, fast unbewußt zu leugnen versucht, anderseits das Gefühl nicht los wird, es . sei „doch etwas daran". Solcherart sind wir Erben einer unehrlichen Vergangenheit, 48