Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 43 (sequence 11)
- Language
- German
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe Diese drei Teilforderungen scheinen mir gerechtfertigt und nicht nur durch ihre Zweckmäßigkeit — das wäre eine schwache Rechtfertigung! — sondern durch sittliches Denken schlechthin. Sie sind nicht „für Juden" ausgesonnen, sondern gelten genau so für Deutsche und für andere im deutschen Volk Lebende. Auch jeder Deutsche sollte am Ende ehrlich auftreten, das Deutschtum bejahen und sich ihm aiiarten, Führerschaft nur durch Leistung-, nicht aus Ehrgeiz erstreben. Ich habe die Grundforderung zerlegt in geltende Teilforderun* gen. Nun will ich sagen, was sie nicht enthält. Sie enthält nicht die Zumutung, die Religion preiszugeben. Keinesfalls deren ethischmethaphysische Gesinnungseinstellung; diese verträgt sich vollkommen mit deutschem Wesen. Die Befolgung der Ritualregeln und Sittengebote trennt Juden erheblich von Deutschen; ich für mein Teil glaube und hoffe, daß dieses anachronistische Gebräuchewesen bald von selber schwinden wird; seinen Abbau wünsche ich, wage aber nicht, ihn zu „fordern" — im Notfall glaube ich, daß sich das deutsche Volk damit abfinden wird, wenn die drei Forderungen erfüllt werden. — Nicht gefordert ist gewaltsame Entselbstung und Selbstummodelung; das wäre Heuchelei. Vielmehr ein tief ernstes Sichbesinnen und eine grundsätzliche Entscheidung zwischen Erez Israel und Deutschland. Vor allem aber: Erziehung der Kinder im Sinne der Forderungen. Vollkommen bin ich mir bewußt des beinahe tragischen Zuges, der über Menschen kommt, welche solche Forderungen allmählich erfüllen. Es ist so unendlich viel angenehmer, im Gewohnten dahinzuleben, halbbewußt seiner selbst, gekettet an familiaie Überlieferung, gehorchend diesem oder jenem unkontrollierten Triebe. Es ist schwer und bedeutet einen Kampf mit vielen Niederlagen, wenn man zur Selbstkontrolle und Selbstumbiidung schreitet. Wohl sind wir alle dazu verpflichtet, aber der Deutsche durch ethischen Antrieb und ethische Überlegung allein, der Jude überdies durch die Konsequenzen seiner Abstammung, und das tangiert das Selbstgefühl; bald wird ihm die Gegenvorstellung aufspringen: „Warum soll ich nicht der sein, der ich bin? ich bin doch nicht minderwertig!!4" Gewiß ist er es nicht; und doch ist ihm dies auferlegt — die Erfüllung des Geforderten rechtfertigt sich nicht aus Wertgesichtspunkten, sondern aus einer geschiehtlich-volks-ethischen Erwägung. Sein überzeitlicher Trost, sei: das Kerngute seines Judentums macht er so, und nur so, für die Menschheit produktiv, er rettet es so und nur so vor unentrinnbarer Verkümmerung, denn so allein schmilzt es mit dem Wertvollen des Volkes produktiv zusammen, in dessen Mitte er lebt. n