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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1925-01-01
Page
44 (sequence 12)
Language
German
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Wolfgang Schumann Vom deutschen Volk und seinen Anforderungen an die deutschen Juden habe ich gesprochen. Ich muß nun hinzufügen, daß ich nicht „im Namen'' des deutschen Volkes sprach. Ich darf selbst nicht glauben, daß heute eine Mehrheit der Deutschen für diese Anforderungen eintritt. Die Mehrheit lebt das Leben aller Völker, sie lebt „im Gewohnten dahin" und mag von einer „Judenfrage" nichts hören noch wissen — das mögen die Gelehrten, die Politiker, die Literaten ausknobeln. Die Mehrheit der von der Frage Wissenden aber denkt härter als ich; wir erleben einen Nationalismus, der sich mindestens die völlige und geistige Abstinenz der Juden, eventuell deren gesetzliche Festlegung, und im äußersten Fall die gewaltsame Entfernung der Juden wünscht, sei es selbst durch Pogrome. Diese Wünsche halte ich für unerfüllbar, für unsittlich und für unfruchtbar im höchsten Sinne. Der Nationalismus wiederum lehnt mit Empörung den Gedanken der Eindeutschung zahlreicher Juden ab, den ich vertreten habe. Wieviele Gebildete sich auf meine Forderungen — es sind nicht „meine", so hoffe ich, sondern die der Geschichte und der sittlichen Überlegung! — einigen würden, ist mir ungewiß. Obwohl ich vor jüdischem Forum stehe, will ich nun hinzufügen, welche Forderungen ich umgekehrt an das deutsche Volk stelle. Kaum brauche ich zu bemerken, daß es nach meiner Meinung Bestrebungen einstellen sollte, die ich eben als unerfüllbar, unsittlich und unfruchtbar bezeichnet habe. Doch ich gehe tiefer. Oben habe ich bemerkt, das jüdische Volk habe es „leichter" gehabt, für die Lösung des „Problems" etwas zu leisten. In der Tat scheint es mir so. Und es hat eine gewisse „Schuld", insofern es nichts leistete. Aber die größere und tiefere Schuld liegt beim deutschen Volk. Wenn zwischen zweien ein Konflikt besteht, hat der Stärkere und Mächtigere in der Hegel die größere Schuld; so z. B. die Eltern regelmäßig in Konflikten mit den Kindern. Ich sagte nun zwar auch dies schon: solche Volksschuld ist nicht recht zurechenbar. Das Volk hat kein Ohr, kein einhelliges Organ, keine echtei Einheit. Es ist Organismus ähnlich, aber kein Lebewesen. Aber je stärker der Gedanke der Volkheit, des Volkstums' betont wird, um so nachdrücklicher sollten und müßten seine Förderer im Grunde die Gemeinverantwortlichkeit aller anerkennen, sich dafür einsetzen, daß mindestens möglichst viele Deutsche sich unsittlicher Handlungen enthielten und unwürdige Gesinnung abtöteten. Ich für mein Teil empfinde gerade gegenüber dem Judentum und dem „Judenrproblem" diese Verantwortung lastend. Kann ich auch, national betrachtet, „nichts dafür", wenn irgendwo jüdische Kinder von deutschen Kindern bespuckt werden und deutsche Eltern das höchst 44

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