Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 42 (sequence 10)
- Language
- German
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Wolf gang Schumann Der Nachdruck liegt auf diesem: das Volk will Vertrauen seiner Glieder zueinander. Das heißt Ehrlichkeit. Das heißt: es darf keine Juden geben, die im Stillen Juden und mit Zähigkeit Juden sein wollen, aber doch alle ungeschriebenen Rechte der Deutschen beanspruchen und gar so tun, als seien sie Deutsche — der deutschmaskierte Jude mit dem heimlichen Willen zum Judentum ist unerträglich. Die von gewissen Judengruppen beobachtete Manier, nach der man die jüdische Herkunft und Wesensart gewisser Juden und Abkömmlinge von Juden nicht erwähnen darf, ist unerträglich, sie schafft eine Atmosphäre von Lüge. Sternheim und Wassermann sind deutschschreibende Juden; wer ihre Werke beurteilt und charakterisiert, muß im Bedarfsfall davon reden dürfen; lügenhaft ist es, so zu tun, als seien sie vollkommen gleich a r t i g mit Hauptmann und Bartsch, mögen sie ihnen auch gleich wer t i g sein. Sie sind nicht gleichartig, und nur Verlogenheit, bewußte oder unbewußte, kann behaupten, ihren Werken merke man das nicht an, oder, wie die dumme Rede lautet: im „Ästhetischen'* spiele das keine Rolle. Zum zweiten: Die Juden, die nicht zum Zionismus sich bekennen, müssen das Deutschtum als solches bejahen, sofern sie im deutschen Volk Einfluß wollen. Vermögen sie das nicht, ist ihnen deutsches Wesen gleichgültig oder unsympathisch, so mögen sie ein stilles, unauffälliges Leben führen; aber wenn sie eine öffentliche Rolle spielen wollen, so müssen sie Gegnerschaft gewärtigen und die Konsequenzen tragen, das heißt: die Verantwortung für einen Antisemitismus, der sich gegen sie, aber auch gegen andere Juden mit wendet Hier erhebt sich die furchtbare Frage: Heißt das, sie müssen ihr Judentum aufgeben? Die Wendung „Judentum aufgeben' * ist zu plump und kann in der Antwort nicht wiederkehren. Denn diese Antwort lautet — ich zitiere einen Juden! — folgendermaßen: Gefordert ist „die bewußte Selbsterziehung*'eines Volkes zur Anpassung an fremde Anforderungen. Diese Forderung, wie sie Rathenau entfaltet, ist nicht leicht, ich weiß es; nicht ein Geschlecht kann sie durchaus erfüllen, es wird dazu mehrerer Geschlechter und längerer Zeit bedürfen. Doch ist sie erfüllbar. Und sie muß erkannt und anerkannt, und mit der Erfüllung muß begonnen werden. Ehe die Bereitschaft dazu nicht da ist, ist ein Ende nicht abzusehen. Ein Drittes mag kurz angeführt werden: Führerschaft und Einfluß zu erstreben, sollte sich nur der Jude gestatten, der jeglichen äußeren Ehrgeiz abgetan hat, sich nach strenger Gewissensprüfung zu bedeutenderen Leistungen berufen weiß und es versteht, tragendes, sicherndes Vertrauen zu gewinnen. 42