Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110006--7628-3110080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oskar A. H. Schmitz kiscbe Wodanskult des Deutschen ein Hemmnis seines tiefen Wesens darstellt, wie der Pharisäismus ein Hemmnis des Juden. Ich verstehe dieses Wort nicht in der heutigen moralisch, entwertenden Bedeutung des Sprachgebrauchs, sondern im alttestamentarischen Sinn. Weiter unten werde ich darauf näher eingehen. Wer sich von seinen kausalen, „historischen'' Hemmungen befreit, bereitet den Weg der Entfaltung seines tiefsten, geheimnisvollsten Wesens. Wer aber diese Hemmungen rabulistisch leugnet oder in Tugenden umdeutet und an solchen Fiktionen eine Rassenmystik nährt, die das Unsagbare eines Volkes, das nur gelebt, nie gesagt werden kann, doch sagen will, der verurteilt sich und es, so weit seine Stimme gehört wird, zum Stillstand, und sein scheinhaftes Leben ist, so affektvoll es dröhnt, rein intellektuell. Deutsche und Juden befinden sich heute in sehr ähnlicher, Lage, indem sie immer wieder die so sterile „Schuldfrage" auf werfen. Die Frage, wie schuldig der Andere sein mag, ist zwar nicht ohne Belang, aber für den, der sich ernstlich wandeln will, ist es viel wichtiger, die eigene Schuld zu ermessen, und verhielte sie sich zu der des Andern wie der Splitter zum Balken. Man lasse sich nicht lauschen durch die allgemeine Einräumung der Deutschen oder der Juden, gewiß hätten auch sie einen Teil Schuld an ihrem Unglück. Ich habe nur wenig deutsch gesinnte Deutsche und jüdischgesinnte Juden gesehen., die sich, dauernd auf die Schuld der Gegner starrend, über das Wesen der Schuld ihres Volkes klar sind. Ihr Schuldbekenntnis gleicht der summarischen protestantischen Beichte, bei der die gesamte Gemeinde ja sagt, wenn der Pfarrer fragt: Bekennt ihr eure Sünden? Von einer Gewissenserforschung, wie sie die katholische Beichte verlangt, ist da natürlich kaum mehr eine Spur. Betrachten wir nun die heutigen Juden, wie sie sich dem unbefangenen Blick darstellen. Da sind zunächst die buchstabengläubigen Orthodoxen. Sie machen nicht die geringsten Schwierigkeiten. Ihre Religionsausübung wird in zivilisierten Ländern nicht gestört. Anteilnahme an dem Staatsleben der Wirtsvölker können sie darum kaum beanspruchen, da einzelne ihrer Riten, z. B. die Sabbatheiligung das ausschließen. Sie werden sie auch kaum wünschen. Das Connubium mit den Gojim lehnen sie selbst heftiger ab, als es in weiten Kreisen dieser noch geschieht. Obwohl die orthodoxe Gruppe unter den Juden die bei weitem zahlreichste darstellt, ist sie für die Kämpfe der Gegenwart und Zukunft so belanglos wie die der buchstabengläubigen Christen — ein Beweis, wie wenig die Masse gilt. Sie ist geschichtslos, kommt für die Geschichte nur als Material in Frage. Möglich, daß die jüdische Masse einmal ihre enge Orthodoxie mit dem Zionismus vertauscht, jedenfalls wird das erst dann 22