Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 21 (sequence 5)
- Language
- German
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Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden. tarier einen Ehrentitel zu sehen, wozu man ihn unverantwortlicher Weise gebracht hat, wird er leicht das Proletentum überwinden, zumal ihn der soziale Kampf von den Ursachen, die Proletenhaftigkeit erklärlich, wenn auch durchaus nicht bedingungslos notwendig machen, glücklicher Weise immer mehr befreit. Ebenso ist es mit gewissen jüdischen oder vielmehr jüdisch genannten Eigenschaften, denn sie haben, wie gesagt, nichts mit der Rasse zu tun. Das Ghetto ist längst aufgehoben. Der Jude ist heute gesetzlich in allen zivilisierten Staaten überall zugelassen, alles weitere, besonders in der Gesellschaft zugelassen zu werden, liegt an ihm. Vorurteile der Bevölkerung können nicht durch Gesetze abgeschafft werdsn. Der befreite Jude lebt psychologisch oft noch in einem unsichtbaren Ghetto und das hindert ihn, ein wahres Bild seiner selbst darzustellen; es würde zweifellos ebenso suggestiv wirken wie das verzerrte des unfreien Juden von einst. \ Die Schwierigkeit liegt darin, daß unsere Zeit überhaupt nicht mehr an das Geheimnis der Wandlung glaubt, das religiösen Zeiten taglich in dem häufigen Phänomen der Bekehrung und Wiedergeburt geläufig war, und daß es im Besonderen zu den Hauptirrtümern der modernen jüdischen Wissenschaftler gehört oder bis vor kurzem gehörte, daß sie ganz kausal-mechanistischen Gedankengängen verfallen waren. Für diese materialistische Wissenschaft, die zwar — man kann es nicht oft genug wiederholen — nicht ausschließlich jüdisch ist, zu der sich aber die überwältigende Mehrzahl intellektueller Juden von heute bekennt, so alle Liberalen und Sozialisten, gilt nur das Beweisbare, während das Erlebte und nur Erlebbare, kurz das spontan Lebendige, jeden Augenblick Neues Ermöglichende, mehr oder weniger verdrängt, d. h. nicht da ist. Wesen des Lebendigen ist nicht die Veränderung — zu verändern vermag sich der heutige Jude schneller als der Arier — sondern die Wandlung. Sinn aller religiösen Disziplinen — auch der alten jüdischen — aber ist, solche Verwandlung zu begünstigen. Wohl geschieht dies durch Erkenntnis, nicht aber durch Erkenntnis des Inhalts der Wandlung — dieser ist, bevor sie sich wirklich vollzogen hat, unerkennbar und daher für den wissenschaftlichen analytischen Intellekt unbegreiflich — sondern durch Erkenntnis der Ursachen bisheriger Hemmung und Lähmung. Was aber ursächlich bedingt wird, ist grundsätzlich erkennbar. Wird eine psychisch hemmende Ursache erkannt, so wird unser selbst nicht erkennbares: Wesen frei, sich nun lebend zu entfallen, um unsern ahnungslosen Intellekt in hohem Maß durch bisher übersehene Reichtümer zu überraschen. Niemand kann wissen, wer er selbst ist, was der Deutsche, was der Jude ist, aber es gehört wenig Psychologie dazu, zu erkennen, daß der völ- 21