Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 20 (sequence 4)
- Language
- German
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Oskar A. FL Schmitz ernstlich abzulegen. Den meisten aber dient psychologisches Erkennen nur zur Entschuldigung, ja Rechtfertigung ihrer Fehler. Wer z. B. früher sich schwer den Anforderungen des Lebens beugte, es aber wenigstens versuchte, weiss, wenn er ein wenig an der Psycho- Analyse gerochen hat, daß er einen Elternkomplex hat. Ein zu strenger Vater hat ihm den Ernst des Lebens unanehmbar gemacht, eine überzärtliche Mutter hat ihm immer wieder Trost und Zuflucht gewährt, und das läßt ihn noch heute lieber Lust und Bequemlichkeit suchen, als den Kampf mit der Welt aufzunehmen. Seitdem er diese Ursachen kennt, legt er die Hände vollends! in den Schoß und beansprucht gar als tragische Person ernst genommen zu werden. Wer nun die jüdischen Fehler durch das Ghetto, die deutschen durch die geographische Lage oder die des Proletariats durch seine Unterdrückung entschuldigt, gibt sie zu. Das heisst für die andern: Werfet keinen Stein auf sie, für die sich Erkennenden selbst aber heisst es: Gleichgültig, ob wir schuld sind oder nicht, tatsächlich haben wir gewisse Fehler entwickelt. Vorbedingung der Gleichberechtigung ist der gute Wille, sie abzulegen, größtes Hindernis aber ist das Schwanken zwischen rabulistischer Ableugnung und dann wieder psychologisch-genetischer Erklärung. Wenn sie nicht da sind, kann man sie auch nicht erklären. Wenn man sie aber erklärt, sind sie Tatsachen, und Tatsachen wirken. Nun ist Ablegen von Fehlern durch Verstehen ihrer Ursachen tatsächlich möglich. Man ist diesen ja nur erlegen, weil man ihnen in jugendlich unwissenden* Zustand blind gefolgt ist. Ein Erkennender könnte im Ghetto, in der Kaserne, im Slum wohnen, ohne den schädlichen Einflüssen dieser Umgebungen zu verfallen. Nun kann natürlich von Völkern und Menschen nicht, ehe sie Erfahrung besitzen, Erkenntnis verlangt werden, nach der Erfahrung aber sehr wohl. Wir leben heute in einer exquisit erkennenden Zeit. Wenn sich nun mit der sich selbst nichts mehr vormachenden Erkenntnis der Ursachen in einem Einzelnen, einem Volk oder Stand der unsentimentale Wille paart, sie tunlichst zu beseitigen, und wo dies nicht angeht, ihnen wenigstens nicht mehr zu verfallen, ist der erste Schritt zur Überwindung der Ursachen getan. Man weiß dann, daß die meisten Erkältungen nicht daher kommen, daß es draußen kalt ist, sondern daß man sich nicht in Acht genommen hat. Die Deutschen werden zwar ihre geographische Lage nicht verändern, wohl aber im" Lichte heutigen Erkennens bessere Sicherungen finden können als die einseitigen militärischen, und in dem Kampf um sie vielleicht gerade die psychologischen und politischen Fähigkeiten ganz besonders entwickeln, in denen ihnen bislang die Westvölker überlegen waren. Wenn der Arbeiter aufhören wird, in dem sein Elend ausdrückenden Wort Prole- <LO