Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Antisemitismus und Zukunft
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 13 (sequence 4)
- Language
- German
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Antisemitismus und Zukunft Vor allem löst der neue Staat nicht die Probleme der westeuropäischen Juden, derer, die zugleich deutsch usw. verwurzelt sind und universal, nämlich übernational und rein menschlich, denken. Schon das ist ein Gegensatz, kein absoluter, aber heute so gut wie ein absoluter. Ihn zu lösen, wäre möglich, wenn man die Lösung reifen lassen könnte. Wer universal denkt, für den ist die Nation ein Unterbegriff, das Menschliche ein Oberbegriff. Bei einiger Vernunft wären beide Haltungen vereinbar. Universal denkende Deutsche usw. sind in derselben Lage wie diese Juden. Sie verbieten sich den Nationalismus, sie setzen die Ideen über die Verhältnisse, sie sind „europäisch4oder sozialistisch, oder religiös schlechthin, oder was sonst immer, und damit setzen sie sich in den radikalsten Gegensatz zu allem, was ist. Von ihnen, den Geistigen aus gesehen, ergeben sich also für die Beurteilung der jüdischen Situation folgende Normen: 1. Billigung des Zionismus, ohne Überschätzung seines praktischen Wertes. 2. Billigung aller Mittel, durch die die Juden ihren Willen zur Selbstbehauptung disziplinieren, zum Beispiel Durchforschung der jüdischen Geistigkeit. Denn dieser Wille dient einem Recht; Selbstbehauptung ist ein Recht 3. Bewußtmachung eines Schicksals. Man kann leben, auch wenn Idee und Wirklichkeit nicht zusammenfallen. Die Theorie der Gastnation ist Unsinn, wenn man damit anerkennen wollte, daß man nur geduldet sei. Es ist freilich besser, eigene Nation auf eigenem •Boden zu sein, aber das Mögliche bestimmt die Haltung. Da man in der Diaspora wohnt, gilt das rein menschliche Recht. Man muß den Antisemitismus in die Rechnung stellen und ihn bekämpfen. 4. Die Situation bleibt seltsam genug. Dadurch, daß die Juden, die in Westeuropa wohnen, ihrer selber bewußt werden und sich wie alle Welt organisieren, geben sie die These auf, nur Deutsche usw. zu sein. Im werktätigen Leben spielt das keine große Rolle; sie sind Bürger, die ihre Rechte durch Pflichten erkaufen. Aber im Politischen und Geistigen spielt es eine Rolle. Es ist zwar lächerlich, zu bezweifeln, daß ein Jude ebenso treu und gut die Geschäfte führen wird wie der Sohn eines Deutschen von i8/j8 in Amerika oder der Nachkomme eines Hugenotten in Deutschland. Aber in antisemitischen Ländern wird sich nicht sobald das Auftreten Rathenaus wiederholen, und praktisch werden die Juden in die Parteien mit übernationalem Charakter gedrängt. Folge: Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, Anweisung: tun, was man für recht hält. 13