Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Antisemitismus und Zukunft
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 14 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110005--7618-3110072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto Flake Geistig ist der Konflikt sozusagen chronisch akut. Man ist Deutscher und fühlt sich doch als etwas anderes. Liebermann oder einem Musiker kann das gleich sein; in den eigentlichen Künsten treten Ideen nicht als solche auf, als Künstler ist man ohne weiteres übernational. Aber wie verhält es sich mit denen, die zur Literatur gehören? Hier muß man heute fragen: zur deutschen? Zur jüdischen? Zur jüdischen deutscher Sprache? Zur deutschen jüdischer Nation? Noch vor zwanzig Jahren wäre es niemand eingefallen, einen Unterschied zu machen zwischen dem Roman eines Juden und dem eines Deutschen. Heute ist ein so großer Teil der Produktion „in jüdischen Händen'', daß ein Literarhistoriker tatsächlich in Verlegenheit kommt, ob er ignorieren oder benennen soll. Solange die Juden selbst es ablehnten, Spezies für sich zu sein*, gab es nur deutsche Literatur. Heute interessiert zum Beispiel auch mich, der jenseits von Für und Wider steht, die Abstammung. In einem wohlzuverstehenden Sinn gesagt: ein gutes Buch von einem Nichtjuden ist national bedeutsamer als das eines Juden. Sollte es nicht wahr sein, daß ein reaktionäres Buch eines Juden ein Skandal ist? Tue ich R. Borchardt Unrecht, wenn ich fühle, daß sein Feudalismus, sein Dichten im Geist Dantes und der christlich germanischen Empfindungen nicht denselben Wert hat wie die gleiche Haltung bei einem Nichtjuden, ja daß diese Mimikry, diese Nachahmung mir unsympathisch ist? Wie kommt gerade er dazu, den Leuten zu empfehlen, daß sie nichts mehr nach der Klassik lesen sollen, natürlich ausgenommen Borchardt? Kann ein jüdischer Verwalter des Geistes anders als emanzipatorisch denken? Gewiß nicht, seiner Situation und seiner Pflicht nach. Wenn man die Sprache und die Literatur als Mittel ansieht, Menschlichkeit schlechthin darzustellen, dann kann ich allerdings von der Abstammung absehen. Dann ist Deutsch einfach eine Kulo turspräche, und die deutsche Literatur ein Reich des Geistes als solches, aber keine Nationalliteratur mehr. In dieser höheren Möglichkeit allein verschwindet der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. Also tut man gut, die Betonung des Jüdischen nicht zu übertreiben. Sie hat Wert als Mittel zur Stärkung der Widerstandskraft, aber nicht als Selbstzweck. Nach meiner Meinung ist für ein Diasporavolk die gegebene adäquate Haltung der Dienst an den übernationalen Ideen und an der Menschlichkeit oder Menschheit. Spezifisch nationale Stile und Ideen sollte es vermeiden. i4