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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 11

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Antisemitismus und Zukunft
Date
1925-01-01
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Antisemitismus und Zukunft Es ist unmöglich, daß ein geistiger Mensch sich künstlich verhärtet: noblesse oblige. 2. Das wäre also die Norm, an der Menschliches zu messen ist, und es bestünden die besten Hoffnungen, wenn die Menschen sich bereit zeigten, den Geist zum Führer zu wählen. Die Wirklichkeit zeigt ein durchaus anderes Bild. Ich will hier keine philosophische Hypothese über die Unvollendbarkeit der Ideen und des Geistes aufstellen, sondern nur behaupten, daß jene überlegene Betrachtung des jüdischen Problems ausschließlich bei den Besten zu finden ist, und daß diese Wenigen zwar vom Geschehen erlösen, aber das Geschehen selbst nicht radikal bestimmen können; in der Arena des Tuns ist der Geist nur eine Kraft unter vielen Kräften. Kurzum, praktisch ist der Antisemitismus eine Tatsache, und es genügt nicht, sie an einer idealen Norm zu messen — man muß in die Arena selbst hinabsteigen. Wer seine eigene Intelligenz der des Massenmenschen entgegenstellt, neigt dazu, die Macht der fixierten Instinkte zu unterschätzen. Offenbar aber ist der Antisemitismus vor allem deswegen unausrottbar, weil er sich durch Jahrhunderte hindurch so tief eingenistet hat, daß er zu einem fixierten Instinkt werden konnte. In milderen Zeiten vergessen, flammt er bei der ersten Gelegenheit wieder auf. Instinkte auf ihre Widersprüche zu analysieren, hat keinen Zweck, Instinkte sind praktische Größen. Bis zur Aufklärung waren die Juden das Volk, das Christus gekreuzigt hat. Daß die Gestalt Christi die Idee und den Sinn verlöre, wenn er nicht von den Pharisäern getötet worden wäre, spielt dabei keine Rolle. Aber daß der Pharisäer als menschlicher Typus und der reine, vom Leiden des Volkes bewegte Mensch damals in einer unvergeßlichen Tragödie zusammenstießen, das hatte Sinn und Bedeutung. Für Pharisäer sagte man fortan Jude schlechthin, und die Juden wurden zum Symbol. Welchen Wirklichkeitswert Symbole haben, weiß man heute : sie sind die Orte, in die sich Gefühlsströme ergießen. Die wirklichen Aussauger des Volkes, die Fürsten, die Beamten, die Zinsklöster zu hassen, war gefährlich, aber den jüdischen Geldnehmer zu hassen, nicht. Ein unheimliches Schicksal verurteilte die Juden dazu, unter ihren Todfeinden leben zu müssen. Am erstaunlichsten dabei ist, daß die jüdischen Enklaven sich behaupten konnten, in Jahrhunderten, die keinen Ketzer duldeten. Die Zähigkeit der Juden, ilire Treue zu sich selbst imponierten nicht, sie bewiesen Verstocktheit. 11

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