Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Antisemitismus und Zukunft
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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OTTO FL,AKE Sinti femxttsttiMS unö Zufunft Lösbar sind Probleme nur, wenn man aus der Sphäre, wo sie einander bekämpfen, heraustritt. Der Philosoph, der Künstler, der geistige Mensch hat die Fähigkeit, sich über eine Welt zu erheben, in der alle Werte auftreten, als ob sie absolut wären, und doch nur relativ sind. Der Geist ist die einzige Norm, an der man aktuelle Erscheinungen wirklich messen kann. Der geistige Mensch lehnt Haß, Unduldsamkeit, Gewalt in jeder Form ab, nicht theoretischen Grundsätzen zu Liebe, sondern seiner Natur folgend. Mir persönlich befiehlt meine Natur, Menschen und Einrichtungen nie summarisch zu verwerfen oder zu billigen, sondern mich vollkommen konkret zu verhalten, nämlich nur Einzelfälle zu sehen und im Einzelfall zu erklären: dieser Mensch ist mir antipathisch, zu rationalistisch, zu laut, zu direkt, zu sinnlich, und umgekehrt. Weder antisemitisch noch philosemitisch, geniere ich mich nicht, angesichts des Menschen X. oder des Buches Y. zu denken: wenn dies jüdisch ist, so ist das Jüdische in dieser Form unangenehm, gefährlich, unrichtig. Da ich mich also von apriorischen Urteilen frei halte, bin ich andrerseits auch in der Lage, jede gute Leistung anzuerkennen. Wenn Spinoza spezifisch jüdisch ist, nun, so ist dieses Jüdische eine grandiose Sache. Ich müßte schon sehr blind sein, um nicht zu erkennen, daß die Juden wie jede Rasse in zwei extremen Typen auftreten, dem, der sich mit allen Organen an diese Welt klammert, und dem spiritualistischen. Jude und Jude, das ist verschieden wie Deutscher und Deutscher, allgemein: wie Mensch und Mensch. In meiner geistigen Sphäre gilt daher grundsätzlich eine einzige Haltung: Gewordenes zu verstehn und die ewigere Gerechtigkeit, das Recht aller Menschen auf Anerkennung, zu proklamieren. Wenn ich den Juden als gewordenen Typ betrachte, stelle ich vielleicht fest, daß ungefähr ihnen allen jener unbefangene Mut und jene herrenhafte Ungebrochenheit abgeht, die Menschen eigen sind, deren Vorfahren Krieger, Eroberer und Gesellschaftsgestalter waren. Nun gut, dieser Charme des Freien fehlt ihnen, und es gibt Unterschiede in den Instinkten. Aber eben dieses Schicksal verbindet mich mit ihnen, denn wir alle haben Schicksal in irgend einer Form, und der Geist ist da, um das Gewordene versöhnend im Allgemeinen aufgehn zu lassen. 10