Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der Jude in der deutschen Gegenwart
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Jude in der deutschen Gegenwart nämlich, so halten deutsche Kreise, ernstzunehmend und aus guten Empfindungen, das deutsche Gebilde für zu jung noch, zu weich und zu bedroht, als daß ihm seine relativ große Zahl von Juden nicht auf unbestimmte Art geistig gefährlich werden sollte. Sie denken dabei an die radikalisierende und energische Art von Kritik an öffentlichen Zuständen ebensowohl wie an einen nicht-deutschen literarischen Geist, der, auf eine spezifische Art europäisch, großstädtisch, land - entbunden, in Tempo, Rhythmik, Problemstellung durchweg energischer und keiner deutschen Landschaft angehörig, eine flacher wurzelnde Sprachart und eine ganz pariserische Modernität einem Volke beifügt, das mit sich noch lange nicht im Reinen sei und in seinem langsamen Werden, im Zusichkommen, von der jüdischen Sonderart beeinträchtigt werde. Daher enthält die weitaus beste Geschichte der deutschen Literatur, Josef Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, folgerichtig fast nichts über jüdische Schriftsteller; sie endet allerdings auch mit dem Jahre i8i3. Dagegen ist in kurzem zu entgegnen: daß die deutsche Geschichte vom Hussitenaufstände an Geschichte des Kampfes der grundbesitzenden und privilegierten gegen die niederen Schichten des Volkes ist, ein Kampf, der diese von Niederlage zu Niederlage führte, dank der furchtbaren Tatsache hunderter, ja tausender einheimischer Herren, umgeben von Waffenträgern, gegen ein stammhaft zerspaltenes, ungeführtes Volk. Die jüdische Radikalität ist das Zeichen für jene tief begrabene, immer weiter lebende deutsche Radikalität, die ja nichts anderes ist als der noch immer, trotz allem, lebende Sinn des Volkes für eine gerechte Lösung des Problems menschlichen Zusammenlebens auf deutscher Erde. Die deutschen Juden, mit tausendjähriger Leidensgeschichte auf deutschem Boden, haben ein vollgültiges Recht, in diesem großen Formprozeß ihre Kräfte einzusetzen wie irgendein deutscher Stamm, wozu die biblischreligiös oder jüdisch-rational-marxistisch gespeiste Geistigkeit der heutigen Bewegung sie noch eigens ermächtigt. Die literarische Beweglichkeit der Juden aber, die Empfänglichkeit für Werte, ist niemand besser zu gute gekommen als den großen deutschen Gestaltern, soweit überhaupt Juden, in Raheis Salon, mit deutschem Schöpfertum in Kontakt kamen. Von Kant, Goethe und Bach bis Stehr, Wedekind, Nietzsche, George, über Hebbel und Wagner, haben Juden den langsam unliterarischen, dem Neuen und geistig Großen ihres eignen Wuchses tief mißtrauisch gegenüberstehenden Deutschen kritisch sondernd das Echtgewachsene vom Haibechten unterschieden, und in ihrer Liebe zum deutschen Wesen gelegentlich des Guten sogar zuviel getan. Daß in der Penetranz einer Über- 5