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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 749

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Das Paulinenstift zu Hamburg
Date
1924-01-01
Page
749 (sequence 7)
Language
German
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Umschau: Erziehung 749 obachten, wie stark diese Kinder auf nicht ganz gute Einflüsse reagieren. Wenn wir die sexuelle Frage in den Anstalten angeschnitten haben, müssen wir unbedingt auch zu der Koedukation Stellung nehmen, die ja mit jener in einem gewissen Zusammenhang steht. Meine Erfahrungen auf diesem Gebiete sind eigentlich noch zu jung, um urteilen zu können, und so möchte ich hier nur meine Beobachtungen mitteilen und hoffe, daß sie aus anderen Kreisen ergänzt werden und dadurch später die Frage geklärt wird. Es ist mir immer wieder aufgefallen, wie aufgeregt die Kinder werden, wenn einmal ein junger Mann zu uns ins Haus kommt und sich gar mit ihnen beschäftigt. Und da sind es wieder die schwierigen, sexuell gefährdeten Kinder, die sich bewußt hervortun und seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen. An den letzten beiden Rausch-ha- Schonoh-Abenden machte ein jüngerer Mann Kiddusch bei uns und nahm auch die Mahlzeit bei uns ein. Es war interessant zu beobachten, welche Mittel diese 10—12 jährigen Mädchen anwandten, um sich bemerkbar zu machen. Eine übertönte beim Chorgesang an beiden Abenden die übrigen, was sie weder vorher noch nachher getan. Eine andere beeilte sich, dem Herrn noch einmal die Schüssel zu reichen, eine dritte fegte den Tisch ab, ohne daß sie das Amt hatte. Mir haben Zöglinge anderer Anstalten häufig geklagt, daß ihnen der natürliche, kameradschaftliche Umgang mit dem anderen Geschlecht so sehr gefehlt hätte, und daß sie sich vorstellen könnten, daß nach der Entlassung aus der Anstalt sich die beiden Geschlechter wahllos aufeinanderstürzten Das gibt auch zu denken und müßte uns Erzieher eigentlich zur Koedukation führen. So lange wir uns zur letzten Konsequenz aber noch nicht durchgerungen haben, müssen wir entschieden auf Mittel und Wege sinnen, um einen kameradschaftlichen Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern herbeizuführen. Und nun komme ich zum Abschluß meines Themas und möchte gerade im Hinblick auf das, was ich von den Anforderungen sagte, die die Gemeinschaft an die Erzieher inbetreff der Strafen stellt, rückblickend noch einmal auf die Tätigkeit des Leiters in den Gemeinschaften zu sprechen kommen. Meine Ausführungen mögen den Anschein erweckt haben, als vollziehe sich die Tätigkeit des Leiters in den Gemeinschaften reibungsloser als in den anderen Anstalten, als sei die Arbeit mit den Mitarbeitern und Kindern leichter. Gewiß, aus einiger Entfernung gesehen, ist sie unvergleichlich schöner und lohnender, aber der Alltag verlangt auch hier seine Opfer. Ich sagte eingangs, in einer Gemeinschaft müsse der Leiter sich seiner äußeren Macht begeben und nur Mitmensch sein wollen, und sagte weiter, daß eine Gemeinschaft zum Zusammenleben erst erzogen werden müsse. Hierin liegen die unsagbaren Schwierigkeiten begründet, und mit jedem neuen Mitglied, sei es Mitarbeiter oder Zögling, beginnen die Sorgen und oft auch Kämpfe um die Erhaltung der Gemeinschaft immer wieder aufs Neue. Aber auch sonst erwachsen dem ernsthaften Leiter einer Gemeinschaft gerade durch seine Erziehung zur Selbständigkeit, zur Kritik, starke Schwierigkeiten, und oft sieht er sich in seinem Werke um Monate zurückgeworfen und muß wieder von Neuem beginnen. Nach Tagen und Wochen der Verzagtheit bringt dann ganz plötzlich ein Beisammensein mit den Kindern, mit den Mitarbeitern, eine Entschädigung für etliche schlaflose Nächte, und man fühlt sich eins mit seiner Gemeinschaft und will nichts weiter als Mitmensch in ihr sein. Ich wende mich jetzt dem 2. Teil meines Themas zu und möchte dabei gleich vorausschicken, daß ich mich bei dessen Behandlung mehr auf die Anstalt als Ausbildungsstätte beschränken werde, da über die Ausbildung der Erzieher an anderer Stelle eingehend gesprochen worden ist. Bernfeld sagt in seinem Buch „Baumgarten": „Überdies ist dieneue Erziehungsgesinnung, die wir vertreten, charakterisiert durch die Notwendigkeit, sich einen Verwaltungs- und Wirtschaftskörper zu bauen, der bis ins Letzte durch die geistigen Forderungen der Erziehung bestimmt ist. Daher muß der technische und der Verwaltungsapparat ganz und gar untergeordnet sein den pädagogischen Instanzen." Diese Forderung mußte Bernfeld stellen, wenn er sein Erziehungswerk konsequent aufbauen und durchführen wollte, und dieselben Bedingungen muß sich jede Erziehungsgemeinschaft stellen, wenn sie An-

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