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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 748

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Das Paulinenstift zu Hamburg
Date
1924-01-01
Page
748 (sequence 6)
Language
German
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74« Umschau: Erziehung diese Freude, diese Inbrunst, mit der wir uns der Feier hingegeben haben, möchte ich auch übertragen wissen auf unsere Heimkinder; Gerade ihnen solch frohe Kindheitserinnerungen zu schaffen, muß unsere heiligste Aufgabe sein. Im Mittelpunkt dieser Feste steht natürlich der Freitagabend, der ihnen eigentlich in jeder Woche immer wieder aufs neue ein Quell reinster Freude ist. Wie es gefeiert wird, wird sich ja nach dem religiösen Zuschnitt des Hauses richten, wenn er auch — wie übrigens alle Feste — meiner Überzeugung nach dort, wo die Tradition noch lebendig ist, den tiefsten Eindruck auf die Kinderseele ausüben wird. Kinder brauchen etwas Positives, brauchen Formen, die ihnen von den Erziehern mit dem nötigen Inhalt gefüllt werden müssen, damit die Formen nicht leer bleiben. Welch starker Einfluß übrigens alles Stimmungsmäßige auf Kinder ausübt, möge folgende Episode erhellen, die wir vor zwei Jahren bei uns erlebten. Die Kinder waren scheinbar vor meiner Zeit noch nie so aktiv an der Vorbereitung der Feste beschäftigt gewesen, jedenfalls gefiel ihnen die Vorfreude so sehr, daß ein n jähriges Mädel im Überschwang der Gefühle zu unserer christlichen Hausmeistersfrau ging und sie aufforderte, doch Jüdin zu werden, denn die Feste wären doch zu schön. Mit Gewalt, mit Autorität können wir unseren Zöglingen keine Frömmigkeit beibringen, aber interessieren und begeistern sollen wir sie für unsere Religion, unser Judentum. Sie sollen lernen vor allem, daß Jude sein verpflichtet. So weit irgend möglich, sollen wir sie in die Lehren unserer Religion einführen, denn mehr denn je braucht unser Volk bewußte, aufrechte Juden. Sehr dankbar wäre ich, wenn sich aus diesen Ausführungen Anregungen für die Gestaltung der Freitagabende ergeben würden, für die auch die jüdische Kinderliteratur ausgenutzt werden kann. Doch nicht nur von Feiertagsstimmung ist eine Gemeinschaft beherrscht, es gibt auch Differenzen, und „Strafen" sind auch hier nicht zu vermeiden. Nur werden auch sie hier andere Formen annehmen als in den alten Anstalten, da sie ja der „öffentlichen Meinung" und der starken Kritik der Gemeinschaft ausgesetzt sind. Und das ist gut so, denn dieses Bewußtsein führt zur starken Selbstbeobachtung des Erziehers und damit zur Selbsterziehung. Er wird allmählich einsehen, daß nicht das fortgesetzte Bestrafen und Tadeln zum Ziele führt, sondern, daß er den Zöglingen die Erkenntnis von der Ungebührlichkeit ihres Benehmens beibringen muß. Er muß auch wissen, wann scharfe Strafen, wie „Entziehung des Ausgangs4*, „Eine Mahlzeit allein einnehmen müssen" „Nicht mehr die Sorge für ein jüngeres Kind haben zu dürfen", angebracht sind. Ich bin in letzter Zeit vielfach dazu übergegangen, mit den Kindern selbst über die Strafen zu sprechen und habe gefunden, daß sie eigentlich recht gerecht sind. Und nun komme ich zum schwersten Kapitel der Anstaltserziehung, zur Sexualpädagogik. Die sexuelle Frage spielt in den Anstalten eine verschieden große Rolle, aber auch hier wieder ist das gegenseitige Vertrauen ausschlaggebend für den pädagogischen Erfolg. Wo die Zöglinge gewohnt sind, mit ihrem Erzieher über alles zu sprechen, da fragen und sprechen sie auch selbstverständlich über diese Dinge, und ebenso ruhig und sicher muß ihnen auf ihre Frage geantwortet werden. Die Schwierigkeit bei diesen Ausführungen bilden die sexuell gefährdeten Kinder, bei denen selbst ein gewissenhaft beobachtender Pädagoge nicht immer vorher sagen kann, wie das betreffende Kind reagieren wird. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch einmal die Frage berühren, wie weit man in Anstalten schwierige oder irgendwie gefährdete Kinder überhaupt aufnehmen soll. Irgend eine Regel vom grünen Tisch aus zu geben, wäre töricht. Im allgemeinen kann ich wohl sagen, daß fast jede Anstalt einige sogenannte „Sorgenkinder" aufnehmen kann, ohne daß die Gemeinschaft darunter leidet. Aber das Urteil darüber steht nur dem Anstaltsleiter, seinen Mitarbeitern und einem Arzt zu, denn nur sie kennen ihre Zöglinge und wissen, was ihnen frommt. Gewiß darf der Leiter bei diesen Erwägungen nicht zu engherzig seinr da viele Kinder noch gerettet werden können, wenn sie in eine geordnete Umgebung kommen, aber immerhin ist bei jeder Neuaufnahme starke Vorsicht geboten. Bei uns im Paulinenstift sind die schwierigen Kinder durchweg auch sexuell irgendwie gefährdet, und ich habe gerade in* letzter Zeit Gelegenheit gehabt zu be-

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