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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 747

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Das Paulinenstift zu Hamburg
Date
1924-01-01
Page
747 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Erziehung 747 Ebenso wie ein Kind das Elternhaus erst dadurch schätzen lernt, daß es anderes kennen lernt, so bedarf auch der Anstaltszögling der Vergleichsmöglichkeiten, um das, was ihm geboten wird, anzuerkennen. Dadurch, daß selbstverständlich jede Not von einem Waisenkind ferngehalten wird, besteht aber doch die große Gefahr, daß es i. verwöhnt und 2. völlig lebensfremd wird. Wenn die Kinder im Elternhaus die Sorgen des Vaters oder der Mutter miterleben und die notwendigen Einschränkungen als selbstverständlich hinnehmen, so wird der Anstaltszögling jede Einschränkung zunächst einmal als Benachteiligung empfinden, wenn er nicht durch eigene Erfahrung von der Notwendigkeit überzeugt wird. Und hier kann meines Erachtens wieder nur die Gemeinschaft, die auf dem anfangs erwähnten gegenseitigen Vertrauen beruht, helfen. Wir müssen die Kinder an unserem Leben, an unseren Sorgen im Hause teilnehmen lassen und müssen sie viel hinausschicken, damit sie sich draußen umschauen und bewegen lernen. Wenn es auch von großer Wichtigkeit für die Kinder ist, daß sie aus der Anstalt herauskommen, so ist es ebenfalls unerläßlich, daß ihnen Gelegenheit gegeben wird, in der Anstalt Besuch zu empfangen. Die Anstaltspforten müssen für die Außenwelt geöffnet werden, dann erst werden die Zöglinge das Gefühl der Zugehörigkeit zum Hause bekommen, dann wird die Anstalt ihr „Heim" werden, in dem sie ■— wie jedes Familienkind auch — Gäste bitten und vor allem Gastgeber sein dürfen. Gerade dieser letzte Punkt ist für die Gemütsbildung gar nicht zu entbehren und ist für die spätere Entwicklung des Kindes nicht hoch genug zu bewerten. Und wenn wir ihnen das auch noch erlauben, Einladungen in anderen Familien anzunehmen, so müssen sie das Unfreie und Gedrückte der Anstaltskinder verlieren, und wir ersparen ihnen dadurch manch bitteren Kampf im späteren Leben. Freilich bedarf diese Freiheit, die man den Kindern gewährt, eines scharfen und wachsamen Auges der Erzieher, denn mehr noch als die Eltern trägt die Anstalt die Verantwortung für die ihnen anvertraute Jugend. Man darf natürlich die Kinder nur in solche Familien schicken, nach denen man sich erkundigt hat, und man wird auch die fremden Gäste stets beobachten. Wo immer es aber einzurichten ist, sollte man es versuchen, denn der tatsächliche Gewinn für die Zöglinge ist ungeheuer groß. Auch der Anschluß an Turnverbände trägt entschieden dazu bei, die Kinder selbständiger, freier, lebendiger zu machen. Unsere Kinder in Hamburg turnen einmal die Woche im Bar - Kochba - Turnverein; sie kommen stets angeregt und munter wieder, und ich wüßte nichts, was ich ihnen lieber gönnen würde als dieses Turnen. Eine Frage ist, ob man den Anschluß an Wanderbünde gestatten kann. Rein theoretisch halte ich es für notwendig; praktisch stellen sich mir so viele Bedenken entgegen, daß es mir interessant sein würde, in einer Diskussion über diese Frage verschiedene Ansichten zu hören. Ich sprach vorhin schon von der Bedeutung, die es für die Kinder hat, wenn sie Gastgeber sein können, andern Freude bereiten dürfen. Die beste Gelegenheit bieten hierzu die Feste! Da kommen vor allem die Geburtstage in Frage, die eine Fülle von Anregungen in sich bergen. Bei uns im Paulinenstift feiern immer mehrere Kinder ihren Geburtstag zusammen, und zu dieser Feier darf jedes Geburtstagskind i oder 2 Freundinnen oder Angehörige bitten. Sie glauben gar nicht, welchen Jubel es anfangs bei den Mädels auslöste, als sie hörten, sie dürften Gastgeber sein. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch ein paar Worte über das Festefeiern überhaupt sagen. Ich lege diesen Feiern eine ungemein hohe pädagogische Bedeutung bei. Ganz abgesehen von dem Wert, den es für Kinder hat, anderen Freude bereiten zu dürfen, ist es für unsere Anstaltskinder ganz besonders wertvoll, wenn sie einsehen lernen, daß Hausfeste ihre eigenen Heime haben, und daß man, um zu feiern, nicht großer Säle und vieler Menschen bedarf. Unsere Kinder lehnen diese Feste, in denen sie als „Waisenkinder" beschenkt werden, ab, und die Größeren weigern sich entschieden, hinzugehen. Wie sehr wird dagegen durch die Vorbereitung auf die Hausfeste die Phantasie geweckt, die Tatkraft und die Selbständigkeit der Kinder gefördert. Den größten Wert hat in unseren Anstalten das Feiern der jüdischen Feste. Was wir aus unserer Kindheit mit hinübernehmen in das Leben, sind doch die Erinnerungen an die Festtage in unserem Elternhaus. Und

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