Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das Paulinenstift zu Hamburg
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 746 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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746 Umschau: Erziehung Anstaltskindern erlebt man immer wieder, daß sie im späteren Leben versagen, weil sie zu sehr gegängelt, zu unselbständig gemacht, in gewissem Sinne zu sehr verwöhnt worden sind. Immer wieder muß an die Erzieher die Mahnung gerichtet werden, in dieser Hinsicht die Kinder mehr für das Leben zu erziehen. Ich werde den Augenblick nicht vergessen, als mir eine Studentin, die ihr Leben bis zu 18 Jahren in einer Anstalt verbracht hatte, klagte, daß sie sich so schlecht bei Tisch benehmen könne, da sie ja weder gewohnt gewesen sei, sich j e selbst zu bedienen, noch sich nur bei Tisch ein Brötchen selbst zu schneiden. Das gab mir damals eine Lehre, und wir haben bei uns bei Tisch eine Gruppenabteilung geschaffen. Es bestehen drei Gruppen unter Führung eines Erziehers. Jede Gruppe hat eigene Schüsseln; die Suppe wird von den ältesten Kindern für ihre Gruppe ausgeteilt, den zweiten Gang nehmen sich die-Kinder selbst. Einem anderen Vorwurf, der der Anstaltserziehung so oft von früheren Zöglingen gemacht worden ist — nämlich, daß Anstaltskinder zu selten Gelegenheit haben, allein auf die Straße zu kommen — suchen wir dadurch zu begegnen, daß wir die Kinder, nach vorsichtiger Auswahl, in kleineren Gruppen spazieren schicken, um sich auf diese Weise in der Stadt zurecht finden zu lernen, oder daß wir sie zu Einkäufen fortschicken. Sie kommen dann regelmäßig vergnügt wieder und wissen stets etwas Neues zu berichten. Natürlich dürfen diese Versuche nicht zur Gewohnheit werden, denn sie sind ja nicht zur Erleichterung des Erziehungspersonals gedacht, sondern dienen lediglich erziehlichen Zwecken. Mit dieser ganz bewußten Erziehung zur Selbständigkeit steht für uns Erzieher eine andere wichtige Aufgabe im engsten Zusammenhang: die Bekämpfung der Lebensfremdheit unserer Zöglinge. In der Anstalt leben sie abgeschlossen von der Außenwelt und kennen nur sich. Ihr Interessenkreis erstreckt sich außer auf das Heim nur noch höchstens auf die Schule, die sie besuchen, und auf die Lehrer, die sie unterrichten. Es fällt mir immer wieder auf, wie neugierig die Kinder jeden Fremden, der die Anstalt betritt, anschauen, und wie sehr sie sich auf jeden stürzen, der von draußen kommt. Da ich dieselbe Erfahrung in anderen Anstalten auch gemacht habe, so muß es also wohl im engen Anstaltsleben begründet sein, und ich halte es daher für besonders wichtig, daß wir unsere Zöglinge mehr mit der Außenwelt in Verbindung bringen. Wie ist das nun zu machen? Vor allem müssen die Kinder mehr hinaus auf die Straße, müssen sich umblicken lernen im Leben und müssen eigene Erfahrungen sammeln. Nur dadurch, daß wir die Zöglinge teilnehmen lassen am äußeren Leben, lernen sie und werden reif. Dazu gehört auch, daß wir Zeitung mit ihnen lesen, Tagesereignisse mit ihnen besprechen und sie nach Möglichkeit in Theater und Konzerte schicken. Ich weiß wohl, daß diese beiden letzten Wünsche in heutiger Zeit „Wünsche" bleiben werden, und doch dürfen wir sie nicht außer Acht lassen bei der Erziehung unserer Kinder. Wichtig sind auch die Besuche in Museen und nach meiner Erfahrung sehr anregend für die Kinder. Sie müssen viel mit uns oder auch allein Besorgungen machen, um mit Geld umgehen zu lernen und vor allem um Warenkenntnisse zu erlangen. Bei der Erlangung von Warenkenntnissen möchte ich ein Mittel nicht unerwähnt lassen, daß ihnen nicht nur diese Kenntnisse vermittelt, sondern die Selbständigkeit der Mädchen sehr hebt und überhaupt zur Bildung ihrer Persönlichkeitsgefühle beiträgt. Es ist dies die Herstellung der Kleidung. Ich glaube, die Uniformierung der Anstaltskinder darf so ziemlich als überwunden betrachtet werden, und es hieße offene Türen einrennen, wollte ich darüber sprechen. Aber auf eins möchte ich doch hinweisen, was sich bei uns mit gutem Erfolge eingebürgert hat. Die größeren Kinder, selbst manchmal die kleineren, dürfen sich bei Neuanschaffungen die Machart auswählen, verzieren sich ihre Kleider selbst und dürfen sich — aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Material — die Stoffe wählen. Dadurch, daß sie mitschaffen dürfen, haben sie 1. eine größere Freude an dem Kleidungsstück und halten es folglich besser, und 2. bildet sich allmählich ihr Geschmack. Ich glaube kaum, daß Kinder, die gewohnt sind, daß man mit ihnen über Form und Farbe spricht, jemals so geschmacklos herumlaufen werden, wie wir oft Mädchen auf der Straße treffen.