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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 745

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Das Paulinenstift zu Hamburg
Date
1924-01-01
Page
745 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Erziehung 745 4er Kinder zu ihren Erziehern und umgekehrt. Wo das fehlt, nützen die schönsten Selbstverwaltungsregeln nichts, und ohne dieses Fundament muß der ganze Bau stürzen. Daß in so vielen Heimen dieses Vertrauen nicht vorhanden ist, liegt daran, daß dort das Allererste, das „Primitivste" fehlt: die offene Aussprache. Die Kinder müssen wissen, daß sie jederzeit den leitenden Menschen gegenüber sich offen aussprechen, ihre Meinung äußern dürfen. Bei uns hat sich die Gewohnheit herausgebildet, daß der Freitagabend, nachdem der jüdische Teil beendet ist, dieser Aussprache gewidmet ist, d. h. nur, wenn das Bedürfnis dazu vorhanden ist. Schon in der Woche sagen mir die Kinder, wenn sie sich am Freitagabend mit mir aussprechen wollen, oder falls ich ihnen etwas Ernstes zu sagen habe, benutze ich auch gern die Gelegenheit des Freitagabend dazu. Worin besteht nun die Aussprache? Von Seiten der Kinder sind es meistens Anfragen, die sie an mich richten betreffs Maßregeln, die sie von mir nicht verstanden haben, oder wir unterhalten uns über einige unserer Sorgenkinder und überlegen gemeinsam, wie wir ihnen helfen wollen. Vor einiger Zeit erzählte mir ein 14 jähriges Mädel einen Fall, in dem sie mir offen erklärte, ich wäre damals sehr ungerecht gewesen. Ich konnte mich des Zusammenhanges nicht mehr genau erinnern und sagte ihr dies, fügte aber hinzu, daß, wenn es so ■gelegen hätte, wie sie meinte, dann wäre ich in der Tat ungerecht gewesen. Das könnte selbstverständlich vorkommen, denn ich wäre halt auch nur ein Mensch. An einem anderen Abend sagten mir die Mädchen, sie müßten mir leider mitteilen, daß sie nicht mehr das Vertrauen zu mir haben könnten wie vorher, da ich *es zu ihnen nicht mehr hätte. Es wäre in der letzten Zeit mehrere Male vorgekommen, daß ich» ihnen nicht sofort geglaubt, überhaupt an ihnen gezweifelt hätte, und nun fehlte das Vertrauen ihrerseits auch. Nachdem ich mich über die verschiedenen Fälle mit ihnen ausgesprochen hatte, meinte eins der Kinder, sie hätten den Eindruck, als vernachlässige ich sie in letzter Zeit. Ich begründete auch diese scheinbare Vernachlässigung, und glücklich und zufrieden trennten wir uns für die Nacht. Ich kann mir vorstellen, daß viele meinen werden, daß die Disziplin unter dieser Freiheit zugrunde ginge. Sicher scheint mir: es ist viel schlimmer, wenn die Kinder hinter unserem Rücken sprechen, als wenn ich ihnen Gelegenheit gebe, sich auszusprechen und ihnen auf ihre Anklagen antworte. Wenn ich von den Kindern Verantwortungsgefühl und Interesse für das Heim verlange, so wäre es unbillig von mir, wenn ich diese Eigenschaften nicht auch wecken, fördern und pflegen wollte, wie z. B. das Gefühl für Ordnung usw. Kinder, die Pflichten haben sollen, können auch Rechte verlangen, und zu diesen letzten gehört, daß sie Anspruch darauf haben, zu wissen, was die innere und äußere Organisation ihres Heimes verlangt. Ich erkläre ihnen Anordnungen, die getroffen worden, berichte, ihnen über Einkäufe und Ausgaben, kurz sie nehmen an meinen Freuden und Sorgen teil. Ich muß zugeben, daß ich Menschen wie Wilker, Wyneken, Montessori und Bernfeld erst bei der Arbeit für dieses Referat so richtig kennen gelernt habe, und muß schon gestehen, daß in unserem Paulinenstift alle Versuche der Selbstverwaltung sich noch sehr im Anfangsstadium befinden und auf Systematik noch keinen Anspruch machen dürfen. Ich glaube auch nicht, daß, bei der Primitivität unserer Kinder, wir es jemals zu Schülerrepubliken und ähnlichem bringen werden, hoffe aber doch, daß sie durch unsere Methode selbständiger und freudiger werden. Als vor einiger Zeit einige Kleinere anderen Süßigkeiten aus ihren Fächern genommen hatten, waren es die Großen, die durch ihre Stellungnahme zu den Kleinen — ohne unser Zutun — diese zum freiwilligen Geständnis ihrer Schuld brachten. Es war dies eigentlich der sichtbarste Erfolg der Selbstverwaltung für mich. Auch die Freude der Großen über ihren Einfluß auf die Kleineren und über ihre Selbständigkeit überzeugten mich, daß wir mit unserer Methode auf dem richtigen Wege sind. Im engen Anschlüsse an die Selbstverwaltung steht die Erziehung zu persönlicher Selbständigkeit, zu möglichster Unabhängigkeit. Es ist natürlich sehr viel bequemer für die Erzieher, wenn man den Kindern die Arbeit abnimmt und sie selbst macht, da das Anleiten sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt und anstrengender ist. Aber gerade an

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