Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das Paulinenstift zu Hamburg
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 744 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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744 Umschau: Erziehung Eine Gemeinschaft verlangt einen Leiter, der sich jeder äußeren Macht begibt und nur Mitmensch in seinem Kreise sein will. Eine Gemeinschaft, in der gegenseitiges Vertrauen herrscht, wird sich ihre Gesetze selbst geben und wird für ihre Befolgung auch Sorge tragen, denn das Wohl des Ganzen liegt jedem einzelnen Mitglied am Herzen; verkehrt aber wäre es, in einem noch nicht zusammengefügten Kreis eine Selbstverwaltung von außen beantragen zu wollen. Jede Gemeinschaft muß zum Zusammenleben erst langsam erzogen werden, aber dazu ist die Leitung da, und von ihrer Fähigkeit wird das Wohl und Wehe der Gesamtheit abhängen. Seit in unserer Anstalt die Kinder ihre Ämter selbst unter sich verteilen, kommt es nur noch ganz selten vor, daß ein Amt nicht ausgefüllt wird, denn sie setzen ihren Stolz darein, daß wir Erwachsene nicht einzugreifen brauchen. Gerade in den letzten Tagen erlebte ich ein schönes Beispiel von dem stark ausgeprägten Gemeinschaftsgeist der Kinder. Als ich beim ersten Frühstück fragte, wer zum Geschirrabwaschen hinuntergehe, meldete sich ein 12 jähriges Mädel. „Nein", sagten zwei andere, „Olga hat sich gestern beschwert, daß sie zu viel zu tun hätte; da waschen wir lieber zweimal die Woche auf, wenn sie es doch nicht gern tut." Hätte ich nicht zufällig gefragt, so hätte ich von dem Verfall nichts erfahren; die Sache an sich hätte aber unter der Laune des einen Kindes nicht gelitten; das eben würde die Gesamtheit nicht mehr zugeben. Der Segen der Selbstverwaltung liegt vor allem darin, daß in den Kindern ein starkes Verantwortungsgefühl für ihr Heim geweckt wird. Mit welcher Liebe arbeiten sie an der Ausgestaltung unserer Inneneinrichtung; das Programm für unsere Handarbeitsstunden im Winter umfaßt vor allem Herstellung einer Barchesdecke, einer Sederschüssel und eines Mazzothkorbes. Als durch die Schuld der Kinder unser Spielzimmer infolge eines Wasserschadens ruiniert wurde, waren sie weniger traurig über die Strafe, die ich über sie verhängte, als über ihr Zimmer, das bisher ihr Stolz gewesen war. Sie fühlen sich eben als Heimkinder und möchten dem immer wieder Ausdruck verleihen. „Die Paulinenkinder" ist der Titel eines Bilderbuches, das unsere Mädels ganz selbständig angelegt haben und in das sie in ihrer naiven Art die für sie wichtigen Ereignisse ihres Heimlebens verzeichnen. Sie sind nicht Objekte unserer Arbeit, sondern selbstdenkende, handelnde Subjekte, denen das Haus eben ihr Heim ist. Lassen Sie uns doch „ Kinderheim Paulinenstift" heißen, ist ihre ständige Bitte. Wie oft habe ich an den Tagen vor den Festen den verständnisvollen Arbeiten der Kinder zuschauen und mich freuen dürfen über ihr frisches, lebendiges Zupacken! Das Schöne an der Zusammenarbeit mit den Kindern ist, daß sie — wie schon erwähnt — mitdenken, mitsorgen. Wie selbstverständlich ist es ihnen, daß sie einspringen, wo Hilfe nottut, auch ohne daß ich es ihnen erst sagen muß! Auch die Verantwortung für die Kleinen ist durch die Selbstverwaltung stark gewachsen. Solange ich selbst die kleineren Mädels in die Obhut der älteren gab, die ich für geeignet zur Beeinflußung hielt, gab es stets mürrische Gesichter zu sehen. Seit ich jedoch mit den Kindern die Verteilung bespreche, das Für und Wider ernsthaft überlege und ihre Wünsche berücksichtige, habe ich gefunden, daß es für beide Teile weit gewinnbringender ist, als dies bei der autokratischen Methode der Fall war. Man muß nur einmal beobachten, welch feines Verständnis, welch mütterliches Empfinden in einzelnen Kindern steckt, und fein ist es auch, die Zuneigung der Keineren zu ihren Großen zu beobachten. Freilich gehts nicht immer ohne Zank und Streit ab, und hin und wieder kommt es auch vor, daß auch innerhalb des vorgesehenen Vierteljahrs die eine oder die andere bittet, mit ihren Kleinen wechseln zu dürfen. Die Sorge für die Kinder hört jedoch nicht etwa mit dem Verlassen der Anstalt auf. ,, Jeden Tag muß ich meine Kleinen in den Pausen frisieren" oder „Ich habe mich heute so geschämt, meine Kleine hatte ein großes Loch in der Schulschürze und hat es mir nicht gesagt", das sind Klagen, die ich oft hören muß. Mit welcher Freude konstatieren die Älteren Besserung bei ihren Kindern und beschützen sie vor unberechtigten Angriffen. „Mein Kind hat die ganze Woche noch nichts zerrissen", oder „Meines gehorcht jetzt so schön." Wie schon erwähnt, beruht eine Gemeinschaft auf dem restlosen Vertrauen der einzelnen Mitglieder zueinander, in diesem Falle