Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das Heilige und die Form
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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738 Bemerkungen: Das Heilige und die Form denen der Gedanke hervorbricht, daß Religion ein ,,Wa%nis" sei. Das ist sie für den Christen in der Tat, denn er muß es immer wieder wagen, dem Heiligen seine Daseinsform, der Form ihre Heiligkeit zu erzwingen — ein Wagnis, das dann ganz evangelisch ernst und gewaltig wird, wenn die Unbedingtheit christlicher Endzeitgesinnung zutage tritt und in ihrem ,, Jetzt!" apokalyptische Wirklichkeit wird. Frick bringt in sich das große ,,Aber" zu dieser Unbedingtheit nicht zum Schweigen und er stellt fest: Niemals hat bisher eine Einzelreligion das Gesamtdasein ihrer Gläubigen restlos gestaltet. Das Letzte, das ,,Gott alles in allem" als dauernder Zustand, bleibt dieser Welt des Bedingten notwendig immer unerreichbar." Das ist nicht jüdisch. Wir harren nicht, bis daß Gottalles in allem" sei, sondern wir leben, auf daß Gott sei, ,über Allem — der Herr". So hat es Franz Rosenzweig im,,Stern der Erlösung" formuliert; in diesem Ausdruck ruht unsere andersartigeGott-Welt-Mensch-Beziehung und unser im Leben unter Gottes Gesetz aufgipfelndes Gestaltsein; dem ewigen Volk vermag das Heilige und die Form nicht auseinanderzubrechen. Dem Christen dieser Zeit aber ist das widerfahren. In seinen Gebilden des Seins, in Volk und Persönlichkeit, in Staat und Kirche, in dem großen Umfang, der Kultur heißt, hat sich ihm das Heilige von der Form losgerissen; die Form entwand sich seinem Willen, je mehr er vergaß, Christ zu sein und alle Wirklichkeit in seiner Zwischenzeit" christlich zu bewältigen. Aus einem Gefühl des Chaotischen stellt er jetzt an das Geschehen die Frage, ob es Übergang sei oder Untergang, ob der heute Wandernde, wie einst Israel, zur Heimat hinziehe oder ob die Heimat hinter dem Verstoßenen liege; das Problem des Lebens in der modernen Großstadt tritt in den Blickpunkt der Betrachtung: ein Dasein, das eine eigene Beziehung zum Lande hat — und eine eigene Beziehung zur Religion, zu jeder lebendigen Regung derer, die es in sich hineinsaugt. Hierher gehört auch in ihrer ganzen Fragwürdigkeit die Erscheinung des ,,Bourgeois". In allem Wirrsal fragt der Christ haltsuchend nach seinem Vätererbe. Er tut es in einer für uns höchst aufschlußreichen Weise: was uns Juden sehr wirklich ist und uns körperlich nah bleibt, was uns unsere lebenden Alten tagtäglich fast allein schon in Ton und Geste und im Gesicht geben, das wird hier irgendwie ,,in übertragener Bedeutung" gebraucht —• muß so gebraucht werden und gewinnt die eigentümliche Form: Es ist entscheidend, in welchem Geist wir Ideale haben, welches Blut in unseren Göttern kreist". Blut in Göttern — nicht in uns: hier ist ein Unterschied. Dem Juden bringt das Sich-Erinnern seine Wirklichkeit zurück; man kann geradezu sagen: jüdischer Unglaube ist schlechtes Gedächtnis. Dem Christen hilft solches bloßes Sich-Erinnern nicht viel weiter als zu pietätvoll-gewußter Historie der Gebildeten; es bleibt, ohne das entscheidende christliche Wunder, ohne das Erlebnis der Nachfolge oder der Erneuerung, unlebendig, ohne Substanz, im besten Falle Predigt: Anregung und Mahnung. In diesem Zusammenhang spricht Frick von einer verborgenen letzten Gemeinsamkeit christkatholischen Instinktes im Abendlande, ,,in die auch die Judenschaft einzuschließen ist". Jüdisches Geisteserbe darf und muß der christliche Europäer in seiner christlichen Weise für sich in Anspruch nehmen; die große, fast die ganze Dogmengeschichte durchziehende Frage, „wie die Heilige Schrift zum Alten Testament wurde", wird hier allerdings nur gestreift. Man mußte, um ihre Bedeutung einzusehen, bis zu dem Bekenntnis vordringen, daß Christen ,,die Bibel um Christi willen glauben", nicht umgekehrt. Im Kampf um den ,,Geist, der lebendig macht", im Ringen um eine neue Form für diesen Geist, im Zerbrechen des Gestalteten und im Suchen nach einer klaren Sichtbarkeit für die ,,innerliche Verehrung des Unbedingten", die doch nicht zu einer ,, unkontrollierbaren Privatinnerlichkeit" werden darf, enthüllt sich nun die Aufgabe dieser christlichen Zeitwende, die sich schon zwei