Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das Heilige und die Form
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 737 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Das Heilige und die Form Von Religiösen Strömungen der Gegenwart'1 handelt ein kleines, aber sehr inhaltsreiches Buch von HeinrichFrick. Der protestantische Theologe und Religionshistoriker bewegt sich auf seinem wirklich eigensten Gebiet: die Sicht gewesener Religionen, abgelebter Gott-Welt-Mensch-Beziehungen der Völker, die er als Historiker hat, ist ja in seiner eigenen gegenwärtiglebendigen Beziehung gegründet. Diese Beziehung verleugnet er nicht, und von ihr gerade läßt er sich auch leiten, wenn er einen Überblick über all jenes Treiben und Getriebenwerden gibt, das ,,religiöse Strömung" genannt wird und in dem der Gegenwartsmensch mitten darin steht. Welche Beziehung aber hier wirksam ist, das wird durch ein Gleichnis des Vorworts gut erhellt: Der Darsteller fühlt sich in der Rolle des Richters (er sagt bezeichnenderweise des deutschen Richters), der ,,in seiner Person die Idee des Rechts verkörpert und im Rechtsstreit den Grundsatz überparteilicher Gerechtigkeit verficht"; er „schöpft seinen Spruch gewissensmäßig aus der Idee". Es ist deutlich: hier spricht der Mensch des deutschen Idealismus; hier ist der Glaube des seit zwei Jahrtausenden christianisierten Europa lebendig und zwar in der Geistgestalt, wie sie sich seit Luthers Erneuerungstat paulinisch, d. h. deutsch-theologisch und zuletzt in Fichte-Schelling-Hegels Idealismus deutsch-philosophisch offenbart. Glaube und Geist, Gesinnung und Idee stehen in und zugleich richterd vor dieser Weltzeit; in dem Aufbruch, in der Wanderung, in dem Zielsuchen der Zeitlichkeit wirkt sich die Paradoxie des Christentums aus: es will sein Heil unter die Völker tragen, sein Heiliges, seine Religion, ihnen bringen, um ihr Dasein mit dem Heil zu vereinigen. Indem das Christentum die Endgestalt des Heils, die Lebensform Hett 12. einer erlösten vollendeten Welt heraufführert will, verurteilt es gegenwärtige Form und Gestalt, ruft es aller Beruhigung bei dem» ,,was erschienen ist", sein ,,Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden" entgegen- Und es ist selber und bleibt bis an das Ende aller Tage — Bewegung, Strömung, Die Art aller christlichen Bewegung ist Ideologie. Sie ist Niederbruch und Aufbau, ist Anheben und Zielsetzung, ist immer erneuter Beginn und immer begonnener Weg. Sie lebt stets im Kampf der Jungen gegen die Alten; sie ist, wenn sie sich Erneuerung oder Wandlung nennt, nicht vergleichbar mit dem Tun des Chaluz oder des Baal-teschuba: denn Wegbereitung und Umkehr und Heimkehr im Leben des Juden ist nicht dialektisch, nicht in einem übertragenen ideeartigen Sinne da; „bewegt" sich der Jude, dann tut er es wirklich: er flieht, wandert aus» läßt sich nieder — im Raum, auf der wirklichen Erde. Die christlichen Bewegungen ziehen aus zum Heil, indem sie zunächst das Nein der Verdammung dieser" unheiligen Weltgestalt entgegenrufen; sie bauen ihre Kirchen aus einer zuvor zertrümmerten alten Welt. Im Geiste der Völker hat das Wort von der kommenden Welt einen anderen Sinn erhalten, als im Gebet des Einen Volkes. Fricks Darstellung zeichnet die christliche Ideologie — dies Wort ist in keinem absprechenden Sinn gemeint — und ihre ewige Dialektik. Den Kernpunkt seiner Ausführungen sehe ich da, wo es sich für ihn um die Gestaltung seiner Wirklichkeit handelt, wo er im Geiste Luthers die gedankliche Zwiespältigkeit erfaßt zwischen , »geistlicher Herrschaft, die da regiert in der leiblichen Unterdrückung" und dem Willen der ,,durch den Glauben reinen Seele", es möchten ,,auch alle Dinge rein sein, zunächst ihr eigener Leib". Die Lösung des Zwiespalts ist in keiner Anweisung und in keiner Formel gegeben, es sei denn in den Schlußworten, aus 47