Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das Heilige und die Form
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Bemerkungen: Das Heilige und die Form 739 Lösungen gesucht hat: die liturgische Bewegung und die Geraeinschafts« bewegung. In den Abschnitten, die von diesen beiden Bewegungen handeln, hat Frick über die christlichen Nöte Treffliches und Klares gesagt; er hat die Spannung zwischen der Innerlichkeit und ihrer Auswirkung als einer alles Bedingte wandelnden Kraft, zwischen dem Gesetz der Freiheit und dem Gesetz der Form gesehen. Und er weiß, daß ,,die eigentliche Leistung des (in Gemeinschaften sektenartigen Charakters sich auslebenden) Christentums sich auf das Gefühl beschränkt, also gerade auf diejenige Stelle, von der aus der Weg zur Gestaltung am weitesten ist." Hier sollte man noch gründlicher auf den Katholizismus und die Äußerungen seiner jüngeren Kreise eingehen (Engelbert Krebs, Hermann Hefele, Ernst Michel u. a.). Bei diesen Betrachtungen fällt der Blick auch auf Jüdisches: es ist für jeden, der weiß, wie wenig auch der gebildete Christ heutzutage von jüdischen Dingen wirklich kennt, nicht weiter verwunderlich, wenn dabei einmal eine schiefe Behauptung unterläuft, wie die, daß ,,die große Opfer erheischende Durchführung strenger Riten zum Bekenntnis des in der Hauptsache nationalistisch bestimmten Zionismus gehöre." Dies alles — eine reiche Darstellung religiöser Impulse, Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit — ist im Raum des christlichen Geistes gesehen. Und wenn auch die Sicht nur vom protestantischen Standpunkt aus orientiert ist und somit die ganze Raumstruktur sich nur in einer bestimmten Weise enthüllt: die Betrachtung heischt unsere Teilnahme. Wir Juden leben von Schicksals wegen mit in diesem Räume, atmen seine geistige Luft und sehen tagtäglich, in Arbeit und Feierstunde, die Bilder an seinen Wänden, hören die Worte, die ihn durchklingen. Wir sehen auch die Gestalten, die hier ,,Führer" heißen und die etwas ganz anderes sind als die Männer, die wir mit dem Titel, ,morenu" ehren. Es wäre sehr falsch, wollten wir von uns behaupten, daß uns jene Auseinandersetzungen nichts angingen: schon im oberflächlichsten Sinne möglichen gegnerischen f1 An-Gehens" wäre das falsch; wäre es aber erst recht als Verleugnung der Tatsache, daß jene Strömungen nicht nur Eigenes von uns führen, wenn auch in noch so andersgewordener Gestalt, sondern daß sie auch uns selbst, unsere Menschen mit sich tragen. Denn das, wovon in dem Buche gesprochen wird, gibt es alles auch ,,auf jüdisch", und es ist nicht bloß nachgemacht; es ist in eigener, nun eben: in unserer allem Wirklichen zugekehrtenWeise da, offenbart und kennzeichnet in diesem seinem Dasein unsere eigene Nähe und Ferne und belichtet dabei bis ins Letzte, wenn es ehrlich gemeint wird, auch noch alles Andere. Als unser Volk wie alle Völker sein und einen König haben wollte, da bekam es Könige — und es erfuhr selber und zeigte allen, was es heißt, einen König haben. So ging es stets — so geht es in Wahrheit auch mit allen Bewegungen und Strömungen, ihren Urhebern und Führern. Hier kann der Frage nicht nach - gegangen werden, die sich aufdrängt: was ist ^Assimilation"? Die sogenannte Assimilation (ich meine hier diejenige innerhalb der christlichen Weltzeit) ist ein Teilstück des großen Geschehens, das das geschichtliche Schicksal des europäischen Geistes bildet und das den ungeheuren Synkretismus des Christentums welthaft ausgebreitet hat. Diese ganze Geschichte muß genau so erfaßt werden wie alle jene Strömungen der Gegenwart: indem wir an die Ewigkeit des Christentums mit der Ewigkeit unseres Judeseins herandringen. Versuchen wir das, dann erfahren wir mehr, als bloß Zeitgeschichtlichorientierendes: eine Art von ,,geometrischer Ortsbestimmung" kann uns gelingen, wenn wir allerg christlichen Bewegung bis in ihr Zentrum folgen — bis dahin, wo ihr ewiges Ja ertönt und von wo der Befehl ausgeht, der sie auf die Wege der Welt hinaustreibt. Gerade dort aber wird es geschehen, daß wir unseres eigenen Ja innewerden und des heiligen Wortes, das uns sein und bleiben heißt. Eduard Strauß 47*