Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Lassalle und das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 735 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Lassalle und das Judentum 735 bloß natürlichen Welt brechen konnte. Hier zuerst habe er sich als das Höhere erfaßt gegenüber aller Natur und Kreatürlichkeit, wie sie in den älteren Religionen herrschte. Natürlichkeit und Endlichkeit wurden hier zum Wesenlosen, die absolute Wesenheit aber fiel in den abstrakten Geist. Doch gegenüber dem abstrakten Geist, dem Herrn des Weltalls, bleibt der Jude selbst fest gebannt in die Natur, die er als das absolut Nichtige erkannt hat. So erfolgte der innere Bruch des Menschen mit sich selbst, so entstand die härteste Selbstentäußerung, die der Geist in der Geschichte vollbracht hat, so erschien ein ästhetisch Häßliches, ein der Schönheit, die auf der Einheit des Menschen mit sich selbst beruhe, Entgegengesetztes. Trotzdem wäre es nach Lassalle falsch, die Tiefe außer Acht zu lassen, die mit dieser härtesten Selbstentäußerung verbunden war. Der Mensch mußte erst einmal aller inneren Einheit mit sich selbst verlustig gehen, um des Wesens seines Geistes überhaupt bewußt zu werden. Doch der Geist, der sein Wesen erfaßt hat, sei bloß die kalte Einseitigkeit der Abstraktion, noch nicht die totale Fülle des Geistes. Diese gewinne Gestalt erst in dem Prinzip der Liebe, das das Christentum brachte. In einem gleichzeitigen Brief an den Vater vervollständigte Lassalle diese Höherbewertung des Christentums gegenüber dem Judentum. Worauf es ihm am meisten ankam, war, daß das Christentum die absolute Berechtigung aller Persönlichkeit verkündige. Nun könnte man glauben, daß Lassalle sich jetzt selbst dem Christentum zugewandt, oder daß er wenigstens, hierin wie in der ganzen vorausgehenden spekulativen Konstruktion seines Meisters treuer Schüler, das Christentum für die vollkommene, für die absolute Religion erklärt hätte. Doch es kam nicht so. Was ihn davon zurückhielt, war einmal seine innere Beteiligung an dem allgemeinen geistigen Radikalisierungsprozeß der junghegelschen Richtung, sodann die Diesseitigkeit seines Lebensgefühls, am stärksten aber der revolutionäre Charakter seiner Gesellschaftsauffassung. Der junge Lassalle stellte sich das Zeitalter, in dem er lebte, als den Beginn einer neuen Weltenwende vor. Das Christentum, so meinte er schon damals, habe bloß in der Sphäre der Religion die absolute Gleichberechtigung aller Persönlichkeit verwirklicht. Die Aufgabe, dieses Prinzip in der Sphäre der diesseitigen Welt durchzuführen, wäre der französischen Revolution aufgespart geblieben. Diese wiederum sei in der abstrakt politischen Sphäre stecken geblieben. Doch die Idee der absoluten Persönlichkeit, dies treibende Motiv der ganzen neueren Geschichte, müsse sich auch in der gesellschaftlichen Sphäre durchsetzen. Ihr hier Wirklichkeit zu geben, sei die Aufgabe des Kommunismus, aus ihr schöpfe er seine ideelle Berechtigung. Und er werde sich durchsetzen. Neunzehn Jahre war Lassalle alt, als er sich in einem Briefe zum ersten Male in solchem Sinne zu dem Vater aussprach. Mit einer erstaunlichen Frühreife war er in sein bewußtes Leben eingetreten und mitseltener Schnelligkeit hatte er in dem verschlungenen geistigen Prozeß seiner Zeit für sich den Platz herausgefunden, der seinem von Hause aus revolutionären Temperament der gemäßeste schien. Sein Denken im strengeren Sinne hatte