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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 734

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Lassalle und das Judentum
Date
1924-01-01
Page
734 (sequence 8)
Language
German
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734 Gustav M aye r: Wurde eben gesagt, daß Lassalle die jüdischen Reformer auf die Wege der Junghegelianer locken wollte, so bedeutet das nur, daß ihm ihre Methode, nicht daß ihm ihre Ziele vorschwebten. Denn der jüngste unter den bedeutenden "Nachfahren Hegels unterschied sich ja gerade von ihnen allen dadurch, daß er der Geschichtsphilosophie des Meisters treuer blieb als sie alle. In seiner Ausdeutung der Mission des Judentums in der Geschichte trat er jetzt in solchem Ausmaß in die Spuren Hegels, daß wir nicht gut daran vorbeikommen, uns Hegels Auffassung von der weltgeschichtlichen Stellung des Judentums kurz in die Erinnerung zu rufen. Für Hegel bedeutete die jüdische Religion die Religion der Erhabenheit, während ihm die griechische die der Schönheit, die römische die der Zweckmäßigkeit, die christliche die absolute, die vollendete Religion war. Die Israeliten beteten, so lehrte er, Gott zwar im Geiste und in der Wahrheit an, aber sie täten es unter dem Prinzip der Ausschließlichkeit. Weil sie alles, was sie sind, nur durch den Einen haben, hat bei ihnen das Subjekt keine "Freiheit für sich selbst. Es komme nie zum Bewußtsein seiner Selbständigkeit, es fehle ihm daher auch der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. An diese Auffassung Hegels knüpft Lassalle, der als Student inzwischen nach Berlin übergesiedelt war, ein Jahr nach jenem Brief an Creizenach in einem langen und schweren Brief an die Mutter an, die — eine ungebildete und beschränkte Frau — gewiß kaum ein Wort davon verstanden haben wird. Dieses Schreiben vom 30. Juli 1844, das mn ganz im Banne der Hegeischen Religionsphilosophie zeigt, beweist endgültig, daß er für seine Person sich nicht mehr in der jüdischen Welt ansässig fühlte. Es läßt erkennen, daß er nun nicht mehr an eine Neubelebung des Judentums glaubt und alle Hoffnungen aufgegeben hat, die in dieser Richtung führten. Die Welt des hebräischen Volkes, so meint er hier, veranschauliche die äußerste Gedrücktheit des Menschen vor Gott, die vollkommenste Selbstentfremdung des Geistes. Der Geist habe allen Halt verloren, krümme sich wie ein Wurm im Staube vor der abstrakten Gottheit und lebe ständig im Bewußtsein seiner absoluten Wertlosigkeit. Weil die jüdische Religion die Religion der harten Knechtschaft vor Gott sei, deshalb habe Hegel die jüdische Welt richtig als ,,die Welt der erbärmlichen Persönlichkeit" charakterisiert, und deshalb sei das Schicksal des Judentums das der harten Knechtschaft. Wenn die Geschichte kein anderes Volk aufzuweisen habe, das mit so namenlosen Leiden verfolgt wurde, so läge das allein daran, daß die geistige Stufe, die die Welt in dem jüdischen Volke überwinden mußte, die Stufe der Zerrissenheit, der Knechtschaft, des Unglücks war. Die ganze jüdische Welt, ihre Geschichte wie ihre Religion, charakterisiere man am treffendsten als die Religion des Unglücks. Und weil hier das Unglück als Zerknicktheit und Haltlosigkeit des menschlichen Geistes in sich selbst auftrete, müsse man sie als das ästhetisch Häßliche bezeichnen. Für den Denker freilich stelle sich gerade das, was die Häßlichkeit des Judentums bilde, in gewisser Weise wieder als seine Schönheit dar. Denn zuerst im jüdischen Volke habe der Geist ein so tiefes Bewußtsein seiner selbst erreicht, daß er mit der

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