Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Lassalle und das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 733 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Lassalle und das Judentum 73£ mit dem Protestantismus durchgeführt werden könne. Der Protestantismus strebe auf das Urchristentum zurück, dabei gelange er, statt dieses Ziel zu erreichen, zu einer ganz neuen Stufe des Geistes. Wollte das Judentum in analoger Weise über den Talmud hinweg auf den altbiblischen Masaismus zurückgreifen, so werde es diesen ebenso wenig in die Wirklichkeit zurückrufen wie der Protestantismus das ursprüngliche Christentum. Es sei eben unmöglich, den dialektischen Fluß der Geschichte rückwärts zu leiten, aus seinem Bette eine längst versunkene und petrefakt gewordene Masse herauszuholen, um sie zum Fundament einer lebensvollen Gegenwart zu machen. Anno 1517 konnte der Protestantismus sein Ideal rückwärts suchen und doch Träger einer epochemachenden Idee werden. Ein jüdischer Protestantismus im strikten Sinne aber werde 1843 einen vollendeten Rückschritt bedeuten. Denn das Judentum könne unmöglich achtlos an den großen geschichtlichen Entwicklungen, die die christliche Welt seither durchgemacht habe, vorübergehen, es könne nicht ignorieren, daß sich der Protestantismus seither zum Rationalismus und dieser zur modernen Philosophie umgebildet habe. So dürfe es sein Ideal nicht hinter sich suchen, sondern es müsse vorwärts blicken. Seine Aufgabe müsse sein, sich mit der modernen Philosophie auszusöhnen. Daß ein solcher Versuch schwierig sei und nur vorsichtig eingeleitet werden könne, gibt Lassalle bereitwillig zu. Er erkennt an, daß selbst die gebildeten Juden noch zu wenig durch das kritische Feuer geläutert seien, um, was sie bisher als ihr Eigenstes und Teuerstes angesehen haben, sogleich gutwillig aufzugeben. So wenig aber der junge Hegelianer dieses Bedenken unterschätzen will, so sehr warnt er davor, einen positiven Glaubensinhalt aufzustellen, der hinter dem Standpunkte der modernen Philosophie zurückbleibe. Die Geistesbewegung schien sich damals so schnell zu vollziehen, daß er glaubte, ein zu vorsichtig gewählter Glaubensinhalt würde einer nahen Zukunft ebenso reaktionär erscheinen wie der Gegenwart das talmudische Judentum. Lassalle selbst weiß auf die Frage, woher der positive Glaubensinhalt zu nehmen sei, nur die formale Antwort: man möge die Entwicklung des Mosaismus beibehalten, soweit sie vor dem kritischen Forum der Vernunft bestehen könne. Auch der Protestantismus habe nur durch seine freie, oftmals höchst willkürliche Auslegung des Evangeliums sich eine Zeitlang in dem Ansehen behauptet, als sei er wirklich der Wiederhersteller des wahren Christentums der Apostel. Gerade dieser letzte Gedanke ist für unsere Betrachtung aufschlußreich. Im Grunde besagt er, daß Lassalle damit die jüdische Reformbewegung auf die gleichen Bahnen locken möchte, auf denen den Junghegelianern mit Bruno Bauers „Entdecktem Christentum" und Ludwig Feuerbachs ,,Wesen des Christentums" ihr Christentum überhaupt verloren ging. Das war der Weg, auf dem man dann bald über den Kultus des „wahren Menschen" bei Moses Heß und den Kultus der Gattung bei Feuerbach bei Stirners Apotheose des Ich und bei der Verabsolutierung der Produktivkräfte durch Marx anlangte.