Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Lassalle und das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 732 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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732 Gustav Mayer: die Erwartung, daß auch Geiger sich ihren Bestrebungen anschließen werde, sobald man ihn über das, was erstrebt wurde, gründlicher unterrichtet hätte. Doch Lassalle irrte. So sehr Geiger einer verknöcherten Orthodoxie entgegentrat, so wenig wollte er sich mit Bestrebungen befreunden, die bewußt oder unbewußt auf den Sturz aller traditionellen Bindungen abzielten und die .Religion dem unreligiösen Lebensgefühle einer radikalgesinnten jungen Generation auslieferten. Geiger bekämpfte den „Subjektivitätsdünkel" •der Junghegelianer; dem jungen Lassalle aber war mittlerweile die Autonomie des menschlichen Geistes sein Ein und sein Alles geworden, er begeisterte sich an Aufsätzen der Rugeschen Jahrbücher und machte bei seinen Kommilitonen in der Burschenschaft ebenso wie unter seinen jüdischen Kameraden in diesem Sinne Propaganda. Wir wissen nicht, ob er selbst dem jüdischen Lehr- und Leseverein angehörte, den Geiger 1842 gründete. Aber das wissen wir, daß innerhalb dieses Vereins sich bald eine Opposition störend bemerkbar machte, die sich junghegelianisch gebärdete und dem unruhigen jungen Agitator nahestand. Auf der Rückseite einer Faktura der Seidenfirma Heymann Lassal schilderte er in eilig hingekritzelten Versen Vorgänge, die sich damals in dem Vereine abspielten. Ob er selbst der Faust oder der Mephisto der folgenden Strophen oder keiner von beiden ist, bleibe dahingestellt. Jedenfalls hatte er seinen Teil bei den Verweltlichungsbestrebungen, von denen es hier blasphemisch heißt: „Zwar glaubt er und sein Mephisto an Gott noch und Inkarnation Und an Dreieinigkeiten und an die Passion, Sie haben zur Gottheit gesetzt sich den dialektischen Fluß, Wenn der sich in Frau'n inkarnieret, erhält er manch glühenden Kuß. Und Leier und Wein und Küssen, das ist die Dreieinigkeit, Und die Passion für diese das sittliche Pathos der Zeit. Und weil das Diesseits geblieben, das Jenseits aber nicht mehr, So ziehen sie aus Mahomets Himmel die Huris zur Erde her." Diese Reime, die noch frivoler klingen, als sie gemeint waren, dürfte Lassalle einige Wochen später niedergeschrieben haben als jenen Brief an Creizenach, in dem er sich zum Beitritt für den Reformverein meldete. In der kurzen Zwischenzeit scheint ihm dann das Bewußtsein gekommen sein, daß ihm die jüdische Religion nichts mehr zu bieten habe. Gerade darum aber empfiehlt es sich, nochmals einen Blick auf diesen Brief zu werfen, in dem Ferdinand Lassalle zum letztenmal als ein Beteiligter positive Forderungen an die Religion seiner Väter stellte und sich erbot, aktiv mitzuarbeiten an ihrer Aussöhnung mit dem philosophischen Zeitgeist, der ihm mit der Hegeischen Philosophie identisch geworden war. Der Frankfurter jungdeutsche Dichter und Literarhistoriker jüdischer Konfession betrachtete sich und seine näheren Freunde als die jüdischen Protestanten. Der achtzehnjährige Student legt Creizenach nun in jenem Brief die Frage vor, wie weit diese Analogie der jüdischen Reformbewegung