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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 731

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Lassalle und das Judentum
Date
1924-01-01
Page
731 (sequence 5)
Language
German
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Lassalle und das Judentum 73* Von Friedrich Wilhelm IV. erwarteten die Modernen und Jungen in allen Kreisen menschlichen Wirkens wenn nicht gar Förderung, so doch mindestens Verständnis und Wohlwollen. Beide Parteien der Breslauer Gemeinde bemühten sich um die öffentliche Meinung der deutschen Judenheit, und es kam ihnen gelegen, daß jetzt eben ein Zensuredikt des neuen Königs, das alsbald auf die Mittel- und Kleinstaaten hinüberwirkte, der Presse freiere Bewegung verlieh. Ende Juli 1842 veröffentlichte Geiger eine ,»Ansprache an seine Gemeinde", gegen die sich der im orthodoxen Lager stehende Arzt Dr. Davidsohn in einer Annonce in der bei Brockhaus erscheinenden Leipziger Allgemeinen Zeitung wandte. Eine Woche darauf erhielt Davidsohn an der gleichen Stelle eine „Abfertigung", die von hundert und ein Mitgliedern der Gemeinde Breslau unterschrieben war. Aber schon vorher hatte der siebzehnjährige Ferdinand Lassalle sich bemüßigt gesehen, in den Streit einzugreifen. Er schickt sein Manuskript an eine Tageszeitung, — wir wissen nicht an welche— er erhielt es aber ungedruckt zurück. Was er dem Doktor Davidsohn persönlich vorzuwerfen hatte, darf hier beiseite bleiben. Wichtiger ist, was er zur Sache selbst bemerkte, wenn er dies auch bloß in ein paar einleitenden Worten tat: Jeder, der für die geistige Entwicklung des Judentums sich interessiere, meinte er nun, müsse die eingetretenen Spaltungen bedauern und den in offener Feindschaft ausartenden Widerstand, den die Freunde des Lichts und des zeitgemäßen Fortschritts fänden, beklagen. Aber es gewähre doch auch wieder Trost und Beruhigung, daß für eine heilige Sache,, für die Religion, für die innere Überzeugung gekämpft werde. Denn wo trockene Indifferenz bestünde, sei auch der Boden nicht vorhanden, dem Reformationen entkeimen. „Und wenn der Kampf nur da ist, der Sieg muß kommen, und welche Partei dann gesiegt und welche auch geschlagen, so sie n u r für die Sache kämpfte, war ihr Bestreben ein edles und ihr Name wird verehrt werden." Lassalle betrachtete sich somit im Sommer 1842 noch als einen Juden,, dem die geistige Entwicklung des Judentums am Herzen liegt. Er verteidigt den liberalen Geiger gegen die Orthodoxie. Dennoch besagt dies nicht, daß er selbst damals noch auf dem Standpunkt Geigers stand. Wahrscheinlicher ist, daß er nun bereits über Geiger, den er vielleicht auch für radikaler halten mochte, als er war, hinausging. Deutlich zeigte sich dies einige Monate später — er hatte inzwischen sein Abiturium bestanden — in dem Schreiben, das er an Theodor Creizenach in Frankfurt richtete und das bereits vor einigen Jahren im „Juden" veröffentlicht wurde. Jene jüdische Reformbewegung, an deren Spitze Holdheim und Geiger standen, knüpfte durchaus an das Bestehende an und hatte in allem die religiöse Praxis im Auge. Der Verein der Reformfreunde ging weiter, er stand unter dem Einfluß des philosophischen Radikalismus der Junghegelianer, er wollte zunächst einreißen, ließ aber nicht erkennen, wie er sich einen Wiederaufbau dachte. Lassalle stellte sich nun Creizenach und seinen Gesinnungsgenossen zur Verfügung. Er versprachen Breslau für sie zu wirken, und äußerte

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