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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 730

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Lassalle und das Judentum
Date
1924-01-01
Page
730 (sequence 4)
Language
German
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73° Gustav May e r: entnervte Rasse waren. Eindrücke dieser Art legten den Grund dazu, daß er zwanzig Jahre später in seinem bekannten Werbebrief an die Russin Sophie Sontzeff so harte Sätze schreiben konnte, wie diese: „Ich liebe die Juden durchaus nicht, ja, im allgemeinen verabscheue ich sie. Ich sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit. Diese Leute haben während der in der Sklaverei verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaften der Sklaven angenommen, und deshalb bin ich ihnen äußerst ungünstig gesinnt." — Wenige Monate, nachdem den Knaben die Passivität seiner orientalischen Glaubensgenossen so tief erschüttert hatte, begann er, sich unter dem Einfluß Ludwig Börnes lebhafter für die junge radikale Strömung in Deutschland einzusetzen, exzentrisch, wie er war, sofort mit dem Gedanken, einst hier eine führende Rolle zu spielen: ,, Ja, ich will hintreten vor das deutsche Volk und vor alle Völker und mit glühenden Worten zum Kampf für die Freiheit auffordern", gestand er sich zuerst im August 1840 und ähnlich im folgenden Februar 1841: ,,Siegen müssen wir in dem Kampf, den ich zu kämpfen gedenke! Siegen muß das Licht, und die Finsternis weichtl Siegen wird der Verstand, die Vernunft, die göttliche, und mit ihren helleuchtenden Blitzstrahlen den Aberglauben und die Dummheit verscheuchen." Als Lassalle im Sommer 1841 nach Breslau zurückkehrte, um sich zum Abiturium vorzubereiten, war er sich seiner „inneren Leere" bewußt geworden und ein „unbestimmtes, unklares Sehnen", sie zu erfüllen, hatte ihn ergriffen. Doch dieser dunkle Drang hatte ihm noch keinen positiv erfüllten Inhalt gegeben, als etwa im Dezember 1841 das entscheidende Ereignis seiner inneren Entwicklung eintrat. „Die Philosophie trat an mich heran", so berichtete er später dem Vater, „und sie gebar mich wieder und von neuem im Geiste. Diese geistige Wiedergeburt gab mir alles, gab mir Klarheit, Selbstbewußtsein ... sie machte mich zu der sich selbst erfassenden Vernunft, d. h. zu dem sich als Erscheinungsform und Verwirklichung des Göttlichen begreifenden Geist, zum selbstbewußten Gott." Mit dem Augenblick, wo Lassalle seine geistige Existenz dem Hegeischen Panlogismus auslieferte, entstand in ihm der Keim zu seiner Loslösung vom Judentum. Ihm selbst wurde dies keineswegs sofort bewußt. Würde seine Bekehrung zu Hegel alsbald einer Absage an die Religion seiner Väter gleichgekommen sein, so hätte er schwerlich noch das Bedürfnis empfunden, in den Breslauer Rabbinatswirren seine Stimme zu erheben. Der greise Tiktin weigerte sich auch jetzt noch, gottesdienstliche Funktionen gemeinsam mit einem Kollegen vorzunehmen, der alle Grundlagen des Rabbinismus leugnete und deshalb in seinen Augen ein Ketzer blieb. Erst jetzt, nach der Bestätigung Geigers, entbrannte die Fehde zwischen Orthodoxen und Liberalen vollends. Wie er fastauf allen Gebieten das Bestehende schätzte und schützte, so war Friedrich Wilhelm III., dessen Leben eben zu Ende gegangen war, auch im Judentum den modernistischen Bestrebungen abhold gewesen. Er witterte mit Recht, daß diese mit dem allgemeinen liberalen Zeitgeist, den er fürchtete, in Wechselwirkung stehen könnten.

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