Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Zwang zur Weltpolitik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 695 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der Zwang zur Weltpolitik 695 nach Zweckmäßigkeitserwägungen betrachtet. (Eine genauere Darstellung gibt die Artikelserie „Die österreichisch-jüdische Kongreßbewegung" im V. Jahrgang dieser Zeitschrift.) Jetzt, sechs Jahre später, ist man auch in Wien bereit, diese ausgesprochene Fassadenpolitik, die in Deutschösterreich besonders sinnlos ist, aufzugeben. Ein merkwürdiges Zusammentreffen aber ist es, wenn dies gerade zum Zwecke des Kompromisses mit der Gruppe geschieht, mit der man früher nicht einmal eine Einheitsfront nach außen hin bilden wollte, geschweige denn eine innerjüdische. Für den, der die Bedingtheit und die Problematik der jüdischen Minoritätenpolitik schon vorher erkannt hat, kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Ich kann als Beleg hierfür auf die erwähnte Artikelreihe verweisen, die zu einer Zeit erschien, als die Hoffnungen auf eine wirkliche Durchführung der Schutzbestimmungen der verschiedenen Friedensverträge noch nicht geschwunden waren. Heute aber ist klar zu sehen, daß in Litauen wie aüch in gewissem Grade in der Tschechoslovakei, nur so lange die Juden begünstigt und ihre Forderungen anerkannt wurden, als man sie außen- oder innenpolitisch dringend brauchte. Nach solchen Erfahrungen wird man die Hoffnung auf eine freie nationale Entfaltung und ungehinderte kulturelle Entwicklung des jüdischen Volkes in der Diaspora vielleicht für immer begraben müssen. Welche Erwartungen kann man auch noch hegen, wenn die Errungenschaften einer so gewaltigen nationalen und menschlichen Erschütterung, wie es der Weltkrieg war, nach so kurzer Zeit verloren gehen! Wer an eine Besserung der nationalen Beziehungen durch langsame Evolution glaubt, ist nicht nur ein großer Optimist, sondern rechnet sicherlich in diesem Falle mit sehr langen Zeiträumen. So rückt Palästina nun auch für diejenigen in den. Mittelpunkt ihrer politischen Hoffnungen, die ihm bisher neben dem Galuth nur eine koordinierte Stellung einräumen wollten, wenn sie den Zionismus nicht gar für den kostspieligen Luxus politischer Amateure erklärten. 3. Die charakteristische Bedeutung des neuen amerikanischen Einwanderungsgesetzes liegt bekanntlich nicht so sehr in der Verringerung der Gesamtquote der von jetzt an zugelassenen Immigranten als in der Verschiebung der Quoten für die einzelnen Länder. Damit wird deutlich ausgesprochen, welche Einwanderer als erwünscht („desirables") angesehen werden und welche als unerwünscht. Zu den letzten gehören Italiener (wegen ihrer starken Rückwanderung), Gelbe und Juden. Als das wichtigste Unterscheidungsmerkmal gilt die leichtere oder schwerere Assimilierbarkeit. Die unentwegten Ideologen des liberalen Fortschritts mögen der Ansicht sein, dieser amerikanische Antisemitismus, der übrigens durchaus keine Nachkriegserfahrung ist, sei eine vorübergehende Erscheinung. Wer die gleiche Entwicklung in den europäischen Ländern kennt, weiß, daß diese Hoffnung vergeblich ist und damit auch diejenige auf Wiederöffnung