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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 694

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Der Zwang zur Weltpolitik
Date
1924-01-01
Page
694 (sequence 6)
Language
German
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694 Siegmund Kaznelson: 2. Die während der Pariser Friedensverhandlungen gehegten Hoffnungen auf eine Besserung der jüdischen Lage in den Nationalitätenstaaten durch , die Verträge zum Schutze der Minderheiten im allgemeinen und der Juden im besonderen haben sich nicht erfüllt. Die via facti erfolgte Vernichtung der jüdischen Nationalautonomie in Litauen, dem paradigmatischen Lande der jüdischen Minoritätspolitik, durch Ablehnung des Budgets für das jüdische Ministerium und die polizeiliche Schließung des jüdischen Nationalrats ist ebenso symptomatisch wie die Pogrome in Transsylvanien und die Drosselung des jüdischen Schulwerks im übrigen Rumänien oder die trotz der großen Zahl der jüdischen Abgeordneten in Polen noch immer nicht erreichte wirkliche Beschirmung der jüdischen Bevölkerung vor dauernder behördlicher Willkür. In Polen gesellen sich zu der Bedrängnis der Juden an den Hoch- und den übrigen staatlichen Schulen, im öffentlichen Leben usw., auch noch die wirtschaftlichen Nöte. Die Stabilisierung der Valuta mit all den bekannten Wirtschaftsfolgen trifft den Kaufmann, vor allem den kleinen, kapital- und kreditschwachen, und den Produzenten ja besonders schwer. Die Deflation mit ihren unzähligen staatlichen Eingriffen in das Wirtschaftsleben hat als Periode staatlicher Allmacht die Inflationszeit, die Epoche der Ohnmacht des Staates und seiner Auslieferung an die Wirtschaft, abgelöst. Gab es früher zahllose Möglichkeiten des Ausweichens, Durchschlüpfens und des Rückzuges vor dem Zugriff des Staates, so ist sein Druck jetzt für denjenigen, gegen den er sich richtet, um ein Vielfaches stärker als in normalen Zeiten, und er ist noch unentrinnbarer. In jedem Falle aber sind die Juden das beliebteste Objekt der polnischen behördlichen Maßnahmen und Verfügungen geblieben. — Ein besonders drastisches Beispiel für die Verschiebung in der Wertung selbst der grundsätzlichsten Postulate der nationaljüdischen Landespolitik war aber die Bereitschaft der Wiener Zionisten, anläßlich der letzten Wahlen in die Wiener israelitische Kulturgemeinde mit der liberalen Richtung ein Kompromiß zu schließen, unter Preisgabe der früheren Hauptforderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität durch die Verfassung. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß gerade die Zionisten der böhmischen Länder die Anerkennung der jüdischen Nationalität in der Verfassung der tschechoslovakischen Republik erreicht haben, nachdem wenige Monate vorher noch im früheren Österreich der geplante österreichisch-jüdische Kongreß an dem Widerstande der Wiener Zionisten in dieser Frage gescheitert war. Diese hatten nämlich nicht bloß die Anerkennung der jüdischen Nationalität, sondern auch die Einräumung ziemlich weitgehender nationaler Minderheitsrechte für die Juden der westlichen Länder Österreichs zur conditio sine qua non des Programmentwurfs für den Kongress gemacht. Dies aber, z. B. den nationalen Wahlkataster, hatten die Nichtzionisten — mit Recht — abgelehnt. Auch die Nationaljuden in der Tschechoslovakei haben von Anfang an vorsichtiger- und klugerweise niemals solche Forderungen erhoben. Sie haben diese Frage eben nicht nach prinzipiellen, sondern

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