Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Zwang zur Weltpolitik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 693 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zwang zur Weltpolitik 693 ausschließlich bisher zur Ansiedlung von Juden verwendet wurde, ist in Rußland aufgeteilt. Hinzu kommen die noch nicht behobenen allgemeinen Schwierigkeiten der russischen Landwirtschaft und die, wieder im Vergleich zu Palästina, noch mangelnden Erfahrungen in den von Juden bisher noch nicht landwirtschaftlich bearbeiteten Landstrichen (keine theoretische Ausbildung ersetzt bekanntlich die bäuerliche Erfahrungstradition) . Dazu kommen ferner die z. B. für die Ukraine offen von einem ukrainischen Blatt angekündigten nationalen Widerstände, die mit den arabischen ebensowenig verglichen werden können wie etwa der arabische Nationalismus mit dem ukrainischen, und noch unzähliges andere. Entscheidend aber ist der Mangel an Kapital, der nach dem Scheitern der letzten Hoffnungen auf die amerikanischen Juden von keiner Seite her behebbar sein wird. Schon das Krimprojekt mußte aus diesem Grunde aufgegeben werden. Und sobald die vom Joint Distribution Comittee letzthin trotz der angekündigten Beendigung seiner Arbeit in Rußland gespendeten 400 000 Dollar ausgegeben sein werden, wird wohl dieser einzige sich bietende Ausweg für das russische Judentum definitiv verschlossen sein. Was dann aus dem größten Teil der russischen Judenheit wird, kann niemand voraussehen. Vielleicht gelingt nach Jahren ihre völlige Auflösung und Zerstreuung, dem kommunistischen Programm entsprechend. Das Schicksal der russischen Juden hängt infolgedessen eng mit dem Geschick Sowjetrußlands und des Kommunismus zusammen. Vielleicht kann aber auch Sowjetrußland, wenn es (wohl in einer stärker europäisierten und weniger kommunistischen Form) dann noch existiert, die Millionen Juden, die es beherbergt, nicht verdauen, und entschließt sich zur Öffnung seiner Grenzen. Und vielleicht liegt diese Notwendigkeit näher, als man glaubt. Daß den russischen Juden bei einem Zusammenbruch des Bolschewismus aber ein noch schlimmeres Schicksal droht, ist nicht nur aus Äußerungen reaktionärer russischer Emigrantenkreise zu schließen. Die Lüge von der „jüdischen Erfindung" des Bolschewismus ist der deutlichste Fingerzeig. Dann bliebe auch den Grenzländern, z. B. Deutschland, um sich vor Überflutung zu schützen, nichts anderes übrig, als alle Anstrengungen zur Regulierung dieses Wanderungsstromes zu machen. Wenn Amerika seine Tore nicht wieder öffnet, was höchst unwahrscheinlich ist, und den anderen Siedlungsprojekten, die sich erst in den Momenten der akuten Notwendigkeit einstellen und die schon darum gewöhnlich zum Scheitern verurteilt sind, dasselbe Schicksal beschieden ist wie früher den unzähligen Landsucheplänen der Ito — bleibt Palästina genau so wie heute das einzige ernsthaft in Betracht kommende Einwanderungsland. Zu prophezeien liegt mir fern; es bandelt sich hier um nichts mehr als um eine Art Wahrscheinlichkeitsrechnung. Diese kann sich selbstverständlich doch als trügerisch herausstellen. Es genügt, auf die bisher ungelöste Frage des russischen Judentums und seine ungewisse Zukunft hinzuweisen: ein Problem von ungeheurer Schwierigkeit und größter Tragweite, das sicher noch viele Jahre als eine furchtbare Last auch die glücklicheren Teile unseres Volkes bedrücken wird.