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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 692

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Der Zwang zur Weltpolitik
Date
1924-01-01
Page
692 (sequence 4)
Language
German
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692 Siegmund Kaznelson: immer deutliche Spuren; er ist stärker und impressiver als das früher verwendete Mittel körperlicher Beeinflussung. So ist die Wahrheit über Rußland — und noch viel weniger über das ein Sonderproblem für sich bildende russische Judentum — aus den Artikeln und Büchern der ausländischen Journalisten nicht zu erfahren, ebensowenig wie aus den noch mit vielmehr Vorsicht aufzunehmenden Äußerungen der Gegner und Anhänger des Kommunismus. Jeder Bericht, bei dem die Möglichkeit der Selbstnachprüfung fehlt und die völlige Freiheit der Beobachtung nicht gegeben war, fordert zu Mißtrauen heraus. Schon die Verführung zu mehr interessanter und origineller als wahrheitsgetreuer Darstellung ist dann zu groß, von der oben erwähnten Beeinflussung ganz abgesehen. Ist somit ein möglichst wirklichkeitsnahes Gesamtbild des äußeren und inneren Zustandes des russischen Judentums unmöglich, so können doch aus einzelnen unbezweifelbaren Tatsachen gewisse Schlüsse gezogen werden. Ob der Zionismus unter den russischen Juden an Boden gewonnen oder verloren hat, ist eine müßige Streitfrage; die Illegalität der zionistischen Bewegung in den Sowjetländern und ihre Verfolgung durch die jüdischen Kommunisten schließen jede Beweismöglichkeit aus. Daß aber ein beispielloser wirtschaftlicher Auflösungsprozeß die in der überwiegenden Mehrzahl kleinbürgerlichen, handel- und gewerbetreibenden Schichten des russischen Judentums ergriffen hat, sagen nicht bloß übereinstimmend alle Flüchtlinge und Besucher aus, sondern es ist auch den Pressenachrichten über die Ansiedlungspläne in der Ukraine und der Krim zu entnehmen. Der ,,Zug aufs Land" wird dort allgemein als Folge der wirtschaftlichen Erschütterung und Depossedierung der jüdischen Massen erklärt. Er steht auch im Zusammenhange mit der Wirtschaftspolitik der Sowjetregierung, die die Existenzberechtigung der meisten von Juden ausgeübten Berufe nicht anerkennt. Die Änderung der N. E. P. (neuen ökonomischen Politik) Rußlands im Sommer, die in dem Kampf gegen die ,,Spekulanten" der Hauptstädte zum Ausdruck kam, hat ebenfalls in einem prozentual hohen Maße Juden betroffen. Die neuerliche wirtschaftliche Entwurzelung dieser zahlenmäßig unbeträchtlichen Berufsschicht ist aber fast irrelevant gegenüber dem Problem der notwendigen Umschichtung der großen jüdischen Massen infolge der von staatswegen betriebenen ökonomischen Verdrängungspolitik. Die schon früher sehr labile Lage dieser Menschen ist nun zu einer verzweifelten Not geworden. Die Verwirklichung der kommunistischen Absicht, durch völlige Nivellierung in wirtschaftlicher, sozialer, religiöser und nationaler Beziehung die Einverleibung dieser Massen in das kommunistisch organisierte Proletariat durchzuführen, wird mit ebensolchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben wie ihre Überführung in landwirtschaftliche Berufe. Diese letzte Frage kann hier leider nicht ausführlicher behandelt werden. Nur auf einige wenige Gesichtspunkte sei verwiesen. Die heute noch zur Verfügung stehenden Ländereien sind weitaus geringer als vor dem Kriege. Die agrarische Revolution in Rußland war mindestens ebenso einschneidend und tiefgreifend wie die politische. Der Großgrundbesitz, der in Palästina fast

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