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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 691

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Der Zwang zur Weltpolitik
Date
1924-01-01
Page
691 (sequence 3)
Language
German
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Der Zwang zur Weltpolitik 691 langsam reifende Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit jedes anderen Weges und von der überragenden Bedeutung des zionistischen als ausschließlicher und einziger End lösung an Stelle der zahllosen Palliative, die mit der Zeit immer weniger, aussichtsloser und abgenutzter werden. Die Tatsachen, die auch die Nichtzionisten zur Weltpolitik und zur Aufgabe der alten philanthropischen Methoden zwingen werden, sind: Die Judenfrage in Rußland mit ihren drohenden, in ihren letzten Wirkungen noch gar nicht abzusehenden Perspektiven. Der Abschluß der neuzeitlichen, fast genau vierzig Jahre dauernden Epoche der jüdischen Wanderungen durch die Schließung Amerikas. Der Mißerfolg der national jüdischen Landes- oder Minoritätspolitik in den Ostländern. Die veränderte wirtschaftliche und politische Lage in Palästina, das heute das einzige aufnahmefähige jüdische Immigrationsland ist. 1. Über die Lage des russischen Judentums innerhalb der Grenzen der heutigen Sowjet-Konföderation wird des öfteren von Korrespondenten europäischer und amerikanischer Blätter berichtet. Und zwar zumeist unvollständig, da nur in den seltensten Fällen diese Reisebriefe auf dauernden Studien (wie viele dieser Journalisten beherrschen auch nur das Russische vollständig?) und auf einem längeren Aufenthalt nicht nur in Moskau und Petersburg, sondern vor allem in der Provinz, beruhen. Oft genug ist die Beurteilung des augenblicklichen inneren Zustandes und der heutigen ökonomischen Struktur des russischen Judentums oberflächlich und schief. Der unbefangene Leser merkt nun schon lange genug bei fast sämtlichen, auch den sogenannten neutralen oder sogar antibolschewistischen, Berichten über Rußland, wenn sie dort geschrieben wurden, wie offen oder heimlich, manchmal auch ganz unbewußt, immer wieder den Anschauungen der Sowjetregierung oder der anderen kommunistischen Instanzen Rechnung getragen wird. Wie nicht nur einzelne Begriffe und Gedankenreihen, sondern auch schon die ganze Blickrichtung, der Gesichtswinkel, unter dem die Dinge gesehen werden, der herrschenden Vorstellungswelt entlehnt werden. Nirgends blüht die politische Dialektik und die gewunden-kunstvolle Kombinatorik von Regierungsmaximen stärker als in diesen Briefen aus Sowjetrußland. Wie frappant, wie geradezu rührend ist die Ähnlichkeit mit den Beschönigungs-, Erklärungs- und Auslegungsversuchen der zaristischen Innenpolitik durch die fortschrittliche Ententepresse während des Krieges! Die Dialektik der Macht, die Philosophie des Erfolgs, die Geschichtsfälschung der Arrivierten, der Konservatismus der ehemaligen Revolutionäre, die Gesinnungsbildung und Meinungsreglementierung durch die Herrschenden — alles Erscheinungsformen desselben Vorgangs — gehören zu den interessantesten Kapiteln der Soziologie. Der „ideologische Überbau'' der Sowjetherrschaft hinterläßt in den Berichten der fremden Besucher fast 44*

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