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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 690

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Der Zwang zur Weltpolitik
Date
1924-01-01
Page
690 (sequence 2)
Language
German
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Siegmund Kaznelson: Imperativ der zionistischen Existenzfrage an das Judentum, jenes Wollen- Müssen, das nicht einmal mehr die Wahl gestattet, die in dem drohenden Worte vom Judentum, das zionistisch oder nicht sein wird, enthalten ist, muß noch beherrschender und ausschließlicher werden. Wissenschaft ist demnach nicht unsere Sache. Und wir sind boshaft genug, zu diesem Thema noch anzumerken: im Gegensatz zu der bisherigen Desavouierung dieser ,,Wissenschaft" durch die Realität hat der von der marxistischen Orthodoxie streng verpönte „utopistische" Sozialismus gerade in dem engverwandten, ebenso belächelten Zionismus durch die wirkende Macht der gleichartigen Idee die Gestalt der Wirklichkeit angenommen; ebenso wie, sehr unmarxistisch, nicht die „Massenbedürfnisse' ' dem Bolschewismus zur Herrschaft verhalfen, sondern die ganz und gar unmaterialistische, heroisch-idealistische Energie seiner Führer. Die „Massenbedürfnisse" hingegen sind, es, die — welche tiefe Ironie! — zum allmählichen Abbau des Marxismus bei seinem (dem Plane, wenn auch nicht der Durchführung nach) reinsten Experimente zwingen. Auch im Zionismus gab es eine Verelendungstheorie, eine Theorie von der Selbstaufhebung der Assimilation, und die Begründung des politischen Zionismus nach dem Muster des „wissenschaftlichen" Sozialismus stammt sogar von Theodor Herzl: die Assimilation ist unmöglich, schon der äußere Feind macht die Juden zum Volke. Demgegenüber steht*die völlig entgegengesetzte Begründung für die Notwendigkeit der Konzentration in Palästina aus dem sonst drohenden Untergang des Judentums, also der Gefahr der Assimilation, nicht ihrer Aussichtslosigkeit. Wenn auch nicht in ihrer theoretischen Fundierung, so erfährt die Herzische Konzeption des Zionismus doch in ihrer Zielrichtung heute eine merkwürdige Bestätigung durch die Weltkonstellation: Der Zionismus wird wieder die Lösung der Judenfrage, wie das Herzl vorschwebte. Es ist hier nicht von Belang, ob man dem Kulturzionismus, dem Versuch einer Lösung der Judentumsfrage, innerhalb der zionistischen Gesamtbewegung nur eine subsidiäre Rolle, die eines glücklichen Surrogats für die Jahre nach dem Tode Herzls, dem Scheitern seiner Bemühungen um eine Großkolonisation und für die Zeit der palästinensischen Dauerkrise 1920—23 zuweist, oder ob man der Auffassung des „synthetischen" Zionismus zuneigt, der beide Begründungen als gleichberechtigte Ströme zusammenfaßt und vereinigt. Der „Königstraum" des Zionismus: Palästina nicht bloß als ein geistig-kulturelles Zentrum des Judentums, sondern als das Land der Massenkolonisation, als Zentrum auch der ökonomischen Regeneration des jüdischen Volkes, beginnt wieder seine alte Macht auszuüben. Aber diesmal steht hinter ihm, so scheint uns, nicht mehr wie früher bloß die geistige Potenz der Idee und der von ihr erfüllten Menschen, sondern auch die Macht der Tatsachen mit ihrer viel unmittelbarer spürbaren, viel offener liegenden, viel handgreiflicheren Gewalt. Und diesem Zwang zur zionistischen, zur Weltpolitik, der sich immer mehr zu verstärken scheint, der immer umfassender, pressender, lückenloser wird, entspricht auch bereits die in weiteren Kreisen außerhalb des Zionismus

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