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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 685

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Reorganisation des "Hechaluz"
Date
1924-01-01
Page
685 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Chaluzbe wegung 635 dringend braucht. Die Disziplin wird bis zur endgültigen Seßhaftigkeit beibehalten, der Chaluz gehört dem „Hechaluz" auch auf dem Schiffe an; im Lande kommt er nicht in das Beth Am, sondern in das — zu errichtende — Beth Chaluz. Der vergiftenden Atmosphäre der kleinbürgerlichen Immigranten wird er entzogen. Seine Akklimatisierung wird überwacht und erleichtert. Es wird nicht zugelassen, daß der eben Angekommene im Lande Arbeit suchend umherschwärmt; ebenso nicht, daß er durch das Vorschußsystem des Waad Ali j ah korrumpiert wird. Wie der physischen Akklimatisation ist der geistigen und. seelischen große Aufmerksamkeit zuzuwenden: der Chaluz soll das Land unter Führung kennen lernen, die Fremdheit der Landschaft soll ihm durch Belehrung und Einweisung (jawohl: Einweihung) aufgelöst, die Arbeit durch die Histadruth beschafft werden. Lebensform. Ziel: den Chaluz tauglich machen zu sozialem Zusammenleben. Heute wird er es nicht. Das Provisorium des Unterwegs und das Ganzungewisse des Wohin nötigen ihm viel zu viel Kraft ab; wenig bleibt ihm übrig, damit er sich Mensch fühlt. Seine Hoffnung ist, schnell weg zu kommen. Er findet im „Hechaluz" nicht - den „feurigen Atem", nicht den „Geschmack der Freiheit", nicht die „Heilkraft der Tat", nichts von den Versatzstücken bourgeoiser Denkeitelkeit und nicht einmal jene natürlich-kultative Stimmung des „einstigen" „Hechaluz". Man wirft ihm vor, daß er das Beth Chaluz als Hotel, als Station auf einem Wege benützt, der auch nach Palästina führen kann — aber was ist es heute in Wahrheit anderes als ein Gasthaus, in dem ein paar Dutzend gehetzter Burschen wohnen, die aus verschiedenen Orten und Milieus gekommen sind — Idealisten, Militärflüchtlinge, Batlomm, Stellungslose. Sie besitzen keine andere Gemeinschaft als die, daß jeder sich aus dem Notstand retten will. Sie erhalten keine andere Belehrung als die, sich durch schwarze Arbeit zu ernähren, die hebräische Sprache zu lernen, ideal zu sein. Durch solche Erziehung ist noch niemand Idealist geworden, sondern mancher hat aufgehört, es zu sein. Wessen Sorge Brot und ein Hemd sind, der kann nicht an Brot und Kleid für den Chawer denken. Und wenn solche Fälle des wahren Heroismus vorkommen, so sind sie Ereignisse des „Trotzdem": Naturerscheinungen. Der Chaluz ist der willigste und dankbarste Schüler; man lehre ihn, und er wird folgen; man behandle ihn freundschaftlich, und er wird es überströmend vergelten; man nehme von ihm die Last des ungewissen Schicksals, und er wird sein, was er war — der Idealist. Vor allem ist nötig, daß der Chaluz sich im Beth Chaluz geborgen weiß; daß er ständig Arbeit hat, ein Bett, in dem er zwei Jahre schlafen, einen Chawer, mit dem er Jahre zusammen sein kann. Goethe schrieb im „Wilhelm Meister1': „Wehe jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstört und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Wege selbst zu beglücken." Ich wünschte, daß dieser Satz jedem im Herzen lebt, der Hachscharah leiten soll. Dann wird das Ziel erreichbar sein; indem man ihm Schritt um Schritt näher kommt. Es wird aber nicht genügen, den Chaluz rechtlich zu sichern, ihm Arbeit und das Gefühl der Ständigkeit zu geben; sein Leben, das aus einer Form in eine andere gebracht werden soll, muß von der hellsten menschlichen Fürsorge erleuchtet werden: von Freude. Arbeit ohne Spiel ist schädigender Zwang. Die wahrhaft nützlichen Kräfte für die Arbeit werden freigemacht erst durch die Heilkräfte des Spieles. Dieser Seite des chaluzischen Lebens soll die höchste Aufmerksamkeit zugewendet werden. Fröhlichkeit ist das beste Medium der Lehre. Wo Städte nahe sind, soll der Chaluz in Theater, Konzerte, Galerien geführt werden. Er soll Gymnastik und Leichtathletik treiben. Er soll überall in Beziehung zur Natur gesetzt werden: durch Wanderungen, durch Freundschaft zu Tieren, durch Arbeit an der Erde. Dann wird die Disziplin nicht ein Netz sein, das dem Einzelnen übergeworfen ist, sondern die natürliche Begrenzung einer Entwicklung: Wachstum. Sprache. Ziel: Verständigung in Palästina, Erwerbung eines Mittels zur Kultur.

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