Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Von den religiösen Gegensätzen der Juden Erez Israels
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 679 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109829--7492-3109898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Von den religiösen Gegensätzen der Juden Erez Israels 679 niemand etwas vorwerfen kann. Er weiß, daß Gottes Wort der Quell des Lebens ist und daß der, welcher diesem Worte nachlebt, frei ist von allem andern, da er doch den Bestand der Welt sichert. Wie schal erscheint ihm dagegen die körperliche Arbeit, zu der Adam verflucht wurde. Am schrecklichsten aber ist ihm der unbegreifliche Frevel der ,,Gottlosen", die gerade hier im heiligen Lande das Heiligste entweihen, insbesondere den Sabbath und die Feiertage, die die Heilige Sprache mißbrauchen und sich auch sonst um die göttlichen Gebote und Verbote nicht kümmern. Der Orthodoxe weiß aus der Bibel, daß gerade wegen solcher Vergehen der erste Tempel zerstört und das Volk vertrieben wurde. Der Gedanke an die Entweihung des Landes und des Sabbaths erfüllt ihn mit solchem Zorn und Haß gegen die Frevler, daß er jedes Mittel für gut genug hält, dagegen anzukämpfen. So war die Liebe zum Ideal und zu Gott Ursprung des Hasses gegen jene, die ein anderes Ideal haben; eine häufige Erscheinung in unserer Geschichte. En Ganim und Petach Tikwah! Zwei Dörfer, so nahe nebeneinander, daß sie ineinander fast übergehen, ein einziger großer Kranz von Fruchtgärten und Weinbergen hüllt sie beide ein—und doch: welch Abgrund liegt zwischen ihnen! Petach Tikrah, die frömmste Kolonie, durch die am Sabbath kein Wagen fahren darf, die streng auf die Heiligkeit der Festtage achtet, und En Ganim, das Dorf der Kwuzoth und anderer Arbeitergruppen. Der Arbeiter spricht von den Kolonisten mit Haß und Verachtung, und für den Kolonisten ist ganz En Ganim ,,trefe". Der Kampf zwischen Orthodoxen und Arbeitern ist in Palästina noch nicht einmal recht entbrannt. Die Sorgen des Tages sind noch viel zu groß und gestatten nicht, den geistigen Fragen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wenn aber einmal der wichtigste Teil des Aufbaus vollendet sein wird, dann wird ganz gewiß der Kampf um die Religion oder um das Ideal beginnen, und es wird kein leichter Kampf sein. Viele hoffen, daß sich die Gegensätze im Laufe von ein bis zwei Generationen abschleifen werden. Die Kinder der Frommen werden etwas weniger fanatisch sein und werden mehr Verständnis für die Forderungen der Arbeiter bekommen, und die Kinder dieser werden die Religiosität achten lernen. So gibt man gern kluge politische Ratschläge, wie die bestehenden Gegensätze auszugleichen wären, empfiehlt den Arbeitern Vorsicht und ersucht sie, den Sabbath wenigstens in der Öffentlichkeit nicht zu entweihen usw., ohne zu erkennen, daß die Gegensätze tiefer liegen und daß der Haß beide Parteien dazu treibt, die andere geradezu herauszufordern. Natürlich wäre es politisch klug und geboten, durch gegenseitige Konzessionen ein Einvernehmen zustande zu bringen. In jedem anderen Volke wäre auch tatsächlich eine derartige allmähliche gegenseitige Anpassung zu erwarten, aber bei den Juden gibt es keinen faulen Frieden. Am ehesten noch bei dem Händler. Der wird sich, wie immer der Kampf ausgehen möge, mit 50% ausgleichen und sein Schäfchen ins Trockene bringen. Aber die Idealisten werden keine Kompromisse machen, und in diesem Falle um so weniger, als beide Parteien sich im Rechte fühlen, und dies vielleicht einer jener schrecklichen Fälle ist, wo tatsächlich beide Recht haben. Der Chaluz, der das Joch der Thorah abgeworfen hat, hat ein nicht minder schweres auf sich genommen. Für jedes der 613 herkömmlichen Gebote und Verbote hat er ein anderes sich auferlegt, er fühlt, daß das Ideal, das er verwirklichen will, der jüdischen Geschichte nicht fremd, sondern die Forderung unserer Propheten ist. Der Fromme dagegen steht fest in unserer Tradition, er hält sich an das göttliche Wort und an die Auslegung vieler Generationen, er kennt keinen Zweifel, er fühlt sich als Wächter der Heiligkeit, will das Ende nicht erzwingen, sondern wartet mit Geduld auf den Meschiach, der kommen wird. Zwischen diesen beiden Richtungen gibt es kein Kompromiß und keinen Ausgleich.