Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Von den religiösen Gegensätzen der Juden Erez Israels
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 680 (sequence 3)
- Language
- German
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680 Bemerkungen: Von den „nationalen'4 Gegensätzen der Juden Erez Israels Beide Ströme haben ihren Ursprung im jüdischen Wesen, das eben selbst zwiefältig ist. Es sind hier zwei echtbürtige Söhne unserer Geschichte und Tradition, feindliche Brüder, die um die Erstgeburt kämpfen. Dieser Kampf ist unvermeidlich, und niemand kann sein Ende absehen. Vielleicht ist dieser Kampf zur Vollendung nötig. Vielleicht sind beide Ideale unvollständig, vielleicht muß „Awodah" Gottesdienst und Arbeit gleichzeitig bedeuten. Nicht ein Ausgleich oder Kompromiß kann Hilfe bringen, sondern eine Synthese. Aus der Spannung des Kampfes wird der Funke entspringen, der unser Volk in Wahrheit erglühen machen wird. Es ist beste Tradition in unserem Volke, sich die Last nicht zu erleichtern, sondern zu erschweren und einen Zaun um die Lehre zu machen. Wir können nur warten, hoffen und bescheiden vorbereiten. Unser Zionismus ist nur das fahle Dämmern des großen Tages, der kommen wird. Viktor G r ü n w a 1 d — En Ganim, Petach Thikwah Von den „nationalen" Gegensätzen der Juden Erez Israels ,,Wir sind ein Volk, ein Volk.*1 Diese Worte Herzls, die der Wesensbezeichnung der Juden als Volk noch den starken Akzent der Einheit hinzufügen, wurden Glaubenssatz im Zionismus. Den ^Aufgeklärten" bedeutete freilich die „Einheit" mehr eine Hypothese, deren Fruchtbarkeit sich eben in der Zusammenfassung der Judenheit und der Erneuerung in Erez Israel erwies und ihr unbestreitbares Lebensrecht gab. Dadurch soll sich aber unser Blick nicht verdunkeln für die Wirklichkeit der vorhandenen Gegensätze, deren Färbung „national" ist, in dem Sinne, daß sie bestimmt werden durch die durchaus nicht oberflächliche Annahme des Nationalcharakters der sogenannten Wirts- ▼ölker oder durch Entwicklung einer miliettbestimmten Eigenart dort, wo die Anlehnung an die Wirtsvölker geringer war. An den Peripherien der Judenheit lassen sich diese Gegensätze mehr oder weniger negieren, hier in Erez Israel erlebt man sie täglich und stündlich in ihrer Größe und Bedeutung. Nur erinnernd sei auf die Hauptgruppen in Erez Israel hingewiesen, das wirklich der Mittelpunkt der jüdischenWelt ist, auf die osteuropäische Gruppe in ihren starken Differenzierungen von polnischen, litauischen, russischen, kaukasischen, rumänischen und bulgarischen Juden, die westeuropäischamerikanische, mit ihrer Spannweite Deutschland—Amerika, die sephardische, mit ihrer bunten Mischung von einheimischen, marokkanischen, mesopotamischen, persischen, bucharischen Juden, und die Yemeniten, die in ihrem feingliedrigen Typus von den Sephardim ganz verschieden sind. Um der Mannigfaltigkeit des jüdischen Volkes in Erez Israel überhaupt gerecht zu werden» müßte man noch, diese Linien kreuzend, die kulturellen Schichten in ihrer großen Differenzierung zeichnen. Denn der Unterschied zwischen dem polnischen Chalukah- Juden und dem ostjüdischen Chaluz, zwischen dem levantinisierten Sephardi und dem tunesischen Bettler (es gibt natürlich im besten Sinn europäisierte Sephardim), zwischen der Kleinbürgerfrau von Tel Awiw und der russischen Studentin ist groß genug. Aber ich will nur von den ,,nationalen" Gegensätzen sprechen. Auf dem Land, z. B. in den Kwuzoth des Emek, ist natürlich das Bild ziemlich homogen. Am heterogensten ist die Bevölkerung der Hauptstadt Jerusalem. Bekannt ist, daß jene Gruppen im allgemeinen friedlich nebeneinander leben, daß aber Mischehen zwischen Aschkenasim und Sephardim — auch gleicher sozialer Schicht — sehr selten sind. Nicht so geläufig ist der Gegensatz zwischen ostjüdischen und deutschen Chaluzim. Es gibt zwei deutsche Kwuzoth und in vielen anderen Kwuzoth einzelne oder mehrere Deutsche. Ich glaube sagen zu dürfen, daß die meisten von ihnen, auch