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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 674

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Von Israels Auserwähltheit
Date
1924-01-01
Page
674 (sequence 5)
Language
German
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674 Wladimir Solowjew: sucht und zur sittlichen Tathandlung fähig ist. Die menschliche Schwäche sucht die göttliche Kraft, doch dies ist die Schwäche des starken Menschen: der von Natur aus schwache Mensch ist auch zu starken Religiosität nicht fähig. Ebenso kann der Mensch, der keine Persönlichkeit, keinen Charakter und ein nur wenig entwickeltes Selbstbewußtsein hat, die Wahrheit des selbstexistenten göttlichen Seins nicht, wie nötig, verstehen. Endlich, der Mensch, bei dem die Freiheit der sittlichen Selbstbestimmung gelähmt ist, und der nicht fähig ist, aus sich heraus eine Tat zu beginnen oder gar zu vollbringen, um nach der Heiligkeit zu streben — für ihn bleibt die Heiligkeit Gottes immer etwas Äußerliches und Fremdes — er wird nie zum „Gottesfreund". Hieraus wird klar, daß diese wahre Religion, welche wir bei dem israelitischen Volke finden, die Entwicklung der freien menschlichen Persönlichkeit, seines Selbstgefühls, seines Selbstbewußtseins und seiner Selbsttätigkeit nicht ausschließt, sondern, im Gegenteil, erfordert. Israel war groß durch den Glauben, doch für den großen Glauben muß man in sich große geistige Kräfte haben. Die Energie des freien menschlichen Anfangs zeigt sich ihrerseits am besten gerade im Glauben...... Diese Verbindung des tiefsten Gottesglaubens mit der höchsten Anspannung der menschlichen Energie blieb auch im späteren Judentum erhalten. Wie scharf drückt sie sich zum Beispiel in dem abschließenden Pessach- Gebet um das Kommen des Messias aus!....... In diesem charakteristischen Gebet zeigt sich, außer dem innigen Glauben an den Gott der Israeliten und der Beharrlichkeit des ihm zugewandten menschlichen Willens, noch eine wichtige Eigenheit: die Betenden wollen nicht, daß ihr Gott in der überweltlichen Sphäre verbleibe: da sie in ihm das Ideal jeglicher Vollkommenheit sehen, verlangen sie unbedingt, daß dieses Ideal sich auf der Erde verkörpere, daß die Gottheit sich einen äußeren sichtbaren Ausdruck gebe, daß sie sich einen Tempel baue, eine stoffliche Wohnung ihrer Kraft und ihres Ruhms — und dazu noch, daß dieser Tempel jetzt, so bald wie möglich, gebaut werde. In diesem ungeduldigen Streben, das Göttliche auf der Erde zu verwirklichen, finden wir den Schlüssel zum Verständnis des jüdischen Materialismus und auch zur Erklärung der jetzigen Lage des israelitischen Volkes. Wenn man über den Materialismus spricht, muß man in ihm drei Arten unterscheiden: den praktischen, den wissenschaftlich-philosophischen und den religiösen. Die erste Art des Materialismus ist bedingt durch die Herrschaft der niederen Sphären der menschlichen Natur bei manchen Menschen, durch die Vorherrschaft der tierischen Triebe über den Verstand, der sinnlichen Interessen über die geistigen. Um diese Vorherrschaft der niederen Natur in sich zu rechtfertigen, fängt der praktische Materialist an, die Existenz alles dessen zu leugnen, was in dieser niederen Natur keinen Platz hat, was man nicht sehen oder betasten, abwägen oder ausmessen kann. Indem er diese Verneinung zum allgemeinen Prinzip macht, geht der praktische Materialismus in den theoretischen oder wissenschaftlich-philosophischen über. Dieser letzte führt, durch Vernunft-

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