Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Von Israels Auserwähltheit
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 673 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Israels Auserwähltheit <*73 Kabbalisten und von der pantheistischen Philosophie des Juden Spinoza, sah das Judentum, allgemein genommen, in Gott nie die Leere des allgemeinen Substrats, sondern die unendliche Fülle des Wesens, das Leben in sich besitzt und dem andern Leben gibt. Frei von jeder äußeren Begrenzung und Bestimmung, aber nicht zerfließend in der allgemeinen Unterschi edslosigkeit, bestimmt der seiende Gott sich selbst, und erscheint als die vollkommene Persönlichkeit, das heißt als das absolute Ich. Dementsprechend darf auch die Religion nicht die Vernichtung des Menschen in der universalen Gottheit sein, sondern die persönliche Vermittlung zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Ich. Besonders deshalb, weil das jüdische Volk zu einem solchen Begriff Gottes und der Religion fähig war, konnte es das auserwählte Gottesvolk werden. Der Seiende Gott machte Israel deshalb zu seinem Volke, weil auch Israel den Seienden Gott zu seinem Gott gemacht hatte. Während der Erzvater Abraham inmitten der Heiden lebte und die direkte Offenbarung des wahren Gottes noch nicht empfangen hatte, war er nicht zufrieden mit dem Kult der für alle Völker so verlockenden Scheingötter, sondern fühlte sich von ihnen abgestoßen. Der Kult der elementaren und dämonischen Kräfte der Natur war gegen den jüdischen Geist. Der Stammvater Israels konnte nicht an das glauben, was niedriger ist als der Mensch, er suchte einen persönlichen und sittlichen Gott, an den zu glauben für den Menschen nicht herabwürdigend ist, und dieser Gott erschien und rief ihn und gab seinem Geschlecht Verheißungen. ,Durch den Glauben ward gehorsam Abraham, da er berufen ward, auszugehen in das Land, das er ererben sollte; und ging aus und wußte nicht, wo er hinkäme.' (Brief an die Hebräer, XI. 8.) Dasselbe, was Abraham aus dem chaldäischen Lande herausführte, führte auch Moses aus Ägypten heraus. Trotz allen Verführungen der ägyptischen Theosophie und Theurgie: ,Durch den Glauben wollte Mose, da er groß ward, nicht mehr ein Sohn heißen der Tochter Pharaos, und durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht des Königs Grimm.' (ibid. 24, 27). Sich von dem Heidentum absondernd und durch seinen Glauben sich über die chaldäische Magie und die ägyptische Weisheit erhebend, wurden die Stammväter und Führer der Juden der göttlichen Auserwählung würdig. Gott erwählte sie, offenbarte sich ihnen, und schloß ein Bündnis mit ihnen. Der Bundesvertrag oder der Bund Gottes mit Israel bildet den Mittelpunkt der jüdischen Religion. Eine einzigartige Erscheinung in der Weltgeschichte, denn bei keinem anderen Volk hat die Religion diese Form des Bündnisses oder Bundes zwischen Gott und dem Menschen angenommen, als einem Bunde zwischen zwei, zwar nicht gleichmäßigen, doch moralisch gleichartigen Wesen > ......... Der wahre Gott, der Israel erwählte und der von ihm erwählt wurde, ist der starke Gott, der selbstexistente Gott, der heilige Gott. Der starke Gott erwählt sich den starken Menschen, der mit Ihm kämpfen kann; der selbstexistente Gott offenbart sich nur der selbstbewußten Persönlichkeit, der heilige Gott vereinigt sich nur mit einem solchen Menschen, der die Heiligkeit