Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Von Israels Auserwähltheit
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 672 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109828--7484-3109891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6j2 Wladimir Solowjew: Wir geben nun (gekürzt) das Kapitel aus Solowjews „Das Judentum und die christliche Frage" wieder, in dem er das Wesen des Judentums charakterisiert.1) „Im nationalen Charakter der Juden müssen die Bedingungen für ihre Auserwähltheit enthalten sein. Dieser Charakter konnte sich im Laufe von viertausend Jahren genügend festigen^ und es ist nicht schwer, seine einzelnen Züge zu finden und aufzuzeigen. Aber das genügt nicht: man muß auch deren Gesamtheit und deren gegenseitigen Zusammenhang verstehen. Niemand wird leugnen, daß der nationale Charakter der Juden Ganzheit und innere Einheit besitzt. Wir finden in ihm drei Haupteigenheiten, welche sichtlich teils übereinstimmen, teils untereinander auch gerade entgegengesetzt sind. Die Juden zeichnen sich vor allem durch tiefe Religiosität aus, durch eine tiefe Ergebenheit gegen ihren Gott bis zur völligen Selbstaufopferung. Dies ist das Volk des Gesetzes und der Propheten, der Märtyrer und Apostel, welche „durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit gewirkt, Verheißungen erlangt" haben. (Brief an die Hebräer, XI. 33.) Zweitens zeichnen sich die Juden durch die äußerste Entwicklung des Selbstgefühls, des Selbstbewußtseins und der Selbsttätigkeit aus. Wie ganz Israel, so ist auch jede Familie in ihm und jedes Mitglied dieser Familie bis ins Tiefste der Seele und bis ins Mark der Gebeine durchdrungen von dem Gefühl und Bewußtsein seines nationalen, Familien-, und persönlichen Ich und trachtet, dieses Selbstgefühl und Selbstbewußtsein auf jede Art und Weise zu offenbaren, beharrlich und unermüdlich arbeitend, für sich, für seine Familie und für ganz Israel. Endlich, der dritte besondere Zug der Juden ist ihr äußerster Materialismus (im weiten Sinne dieses Wortes). Der sinnliche Charakter der jüdischen Weltanschauung drückt sich symbolisch sogar auch in ihrer Schrift aus . . . Es ist klar, daß die Herrschaft des Materialismus in den Ansichten und Treiben weder mit den religiösen, noch mit den humanitären Idealen vereinbar ist. Doch im Judentum verträgt sich das alles zusammen, die Ganzheit des Volkscharakters gar nicht verletzend. Um den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels zu finden, darf man nicht bei den abstrakten Begriffen der Religion überhaupt, des Idealismus überhaupt und des Materialismus überhaupt stehen bleiben, sondern man muß die Besonderheiten der jüdischen Religion, der jüdischen Humanität, des jüdischen Materialismus betrachten. In seinem Glauben an die Einzigkeit Gottes sah der Jude die religiöse Aufgabe des Menschen nie darin, daß er mit der Gottheit zusammenfließen, daß er in seiner All-Einheit verschwinden solle. Ja, er hat in Gott eine solche negative und abstrakte All-Einheit öder Unterschiedslosigkeit nicht anerkannt. Abgesehen von einigen mystischen Vorstellungen der späteren x) Mit diesem Kapitel will Solowjew die Frage beantworten (die zugleich der Titel dieses Kapitels ist): „Weshalb war das Judentum dazu vorausbestimmt, daß der Gottesmensch, Messias oder Christus, aus ihm geboren werde.u