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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 659

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
659 (sequence 22)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 659 der anormalen Kriegszeiten. An eine Durchführung der in England und Deutschland so glänzend erprobten konsumgenossenschaftlichen Prinzipien wurde kaum gedacht. Worauf es in der Hauptsache ankam, war die Beschaffung von Lebensmitteln für die arbeitende Bevölkerung zu halbwegs annehmbaren Preisen. So verzichtete man denn auf jeden Gewinn und auf Dividendenverteilung und suchte bloß, gestützt auf die Lebensmittelzuweisungen durch die Behörden, auf die Subventionen vom Ausland und auch auf die Einkäufe der konsumgenossenschaftlichen Zentrale in Polen, so billig wie möglich zu verkaufen. Dabei litten noch die Konsumgenossenschaften, besonders seit der Einführung der polnischen Valuta, unter der ständigen Geldentwertung, die eine geschäftsmäßige Kalkulation fast unmöglich machte und oft große Verluste verursachte. So erfolgte denn die Entwicklung, wie der jüdischen Konsumgenossenschaften überhaupt, so auch die der jüdischen Arbeiterkonsumgenossenschaften, die die weitaus überwiegende Mehrzahl der Genossenschaften bildeten, nur sehr langsam und unter steten Rückschlägen. Dabei waren auch die Konsumgenossenschaften nach Parteien differenziert, doch hatte der „Bund" auch hier die Führung, und außerdem schlössen sich die Konsumgenossenschaften der „Vereinigten" bereits nach kurzer Zeit, 1921, dem Verband der bundistischen Konsumgenossenschaften an, an dessen Spitze das Propagandasekretariat in Warschau stand. Der Verband zählte bereits 1919 40 Konsumgenossenschaften mit 20 000 Mitgliedern und hatte einen jährlichen Umsatz von 10 000 000 polnischen Mark. Fast sämtliche jüdischen Konsumgenossenschaften gehörten von Anfang an dem im Jahre 1919 gegründeten Verband der polnischen Konsumgenossenschaften an, ohne dort übrigens viel Verständnis und Unterstützung zu finden. Im Gegensatz zu Polen war die Entwicklung der jüdischen sozialistischen Bewegung in den übrigen Nachfolgestaaten Österreichs eine recht ärmliche. In Österreich — wo die kleine Gruppe der Z. P. S. bereits nach einigen Monaten zu den Kommunisten überging — und in der Tschecho-Slovakei waren die „Poale-Zion" die einzige jüdische sozialistische Partei, die überhaupt in Betracht kam. Sie traten sowohl in dem einen als auch in dem andern Lande in die jüdischen Nationalräte ein — in Österreich schieden sie dann nach einigen Monaten wiederum aus — und beteiligten sich auch eifrig am allgemeinen politischen Leben der Länder. In Österreich waren sie auch in den Arbeiterräten stark vertreten. Indessen war die Lebensdauer der beiden Landesparteien als selbständiger jüdischer sozialistischer Parteien keine lange. Sie betraten bald nach ihrem Entstehen den Weg einer immer schärfer werdenden Radikalisierung und wurden schließlich durch die große Liquidalionswelle ganz hinweggefegt. Im Auflösungsprozeß der späteren linken „Poale-Zion" sollten gerade diese beiden Landesparteien eine traurige Führerrolle spielen. In Rumänien waren sowohl die „Poale-Zion" als auch der „Bund" vertreten, und zwar beide in der Hauptsache auf dem Gebiet der alten Bukowina. In Altrumänien selbst war allerdings bereits vor dem Ausbruch des Weltkriegs eine schwache jüdische sozialistische Bewegung vorhanden ge- 42*

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