Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 660 (sequence 23)
- Language
- German
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66a Arjeh Tartakower: wesen, die von Jassy aus geleitet wurde und unter dem Einfluß des russischen „Bund" stand. Man versuchte sogar eine Zeitlang ein eigenes Organ, den „Wecker", herauszugeben. Doch entbehrte diese Bewegung, wie vor dem Weltkrieg, so auch nach dessen Abschluß, jeder größeren Bedeutung. Aber auch in der Bukowina konnten es die beiden Parteien zu keiner rechten Entwicklung bringen und unterwarfen sich— insbesondere der „Bund" — ganz der Führung der allg emeinen sozialistischen Partei. Ein eigenartiger Versuch, alle Kräfte in der jüdischen Arbeiterbewegung für ein gemeinsames Vorgehen, insbesondere in jüdischen Fragen, zu vereinigen, wurde in dieser Periode in England gemacht, wobei die Initiative wiederum bei den „Poale-Zion" lag. Bereits Mitte 1915 gelang es dort, einen „Arbeiterverband für jüdische Rechte" ins Leben zu rufen, der die „Poale-Zion", die Bundisten, die — allerdings ganz kleine — Gruppen der S. T. und die Mehrheit der jüdischen Gewerkvereine im Lande umfaßte. Indessen ging der Verband an inneren Reibungen bald zugrunde. Der zweite Versuch wurde dann 1918 gemacht. Auf einer gemeinsamen, von den „Poale-Zion" und dem „Nationalen Gewerkschaftskomitee" einberufenen Konferenz wurde der „Jüdische Nationale Arbeiter-Rat in England" geschaffen, der fast alle jüdischen Arbeiterorganisationen in diesem Lande umfaßte. Als seine Aufgaben wurden bezeichnet: die politische, gewerkschaftliche und genossenschaftliche Organisierung der jüdischen Arbeiterschaft, Anknüpfung näherer Beziehungen zur englischen Arbeiterschaft, Führung einer nationalen Arbeiterpolitik in England, Eintritt in die Internationale zur Unterstützung der jüdischen Forderungen, Förderung der Palästinaarbeit und Schaffung einer Verbindung mit den Arbeiterorganisationen anderer Länder. Der Rat, der unter dem starken Einfluß der „Poale-Zion" stand, tat viel zur Aufklärung der englischen Arbeiterschaft über die jüdische Frage; sein Einfluß auf die jüdische Arbeiterbewegung in England selbst war aber kein großer. Sie blieb auch weiterhin so schwach und wenig bedeutend wie vorher. Es muß schließlich noch das Aufkommen einer jüdischen sozialistischen Bewegung in Deutschland erwähnt werden. Eine Reihe von Gründen hat diese Erscheinung verursacht. Der hauptsächlichste war wohl das durch die Kriegsereignisse hervorgerufene ziemlich starke Zuströmen der jüdischen Arbeiterschaft nach Deutschland, wo sie zum Teil bei den schwersten Arbeiten, z. B. beim Kohlenbergbau, Verwendung fand. Diese Arbeiterschaft war ein für sozialistische Agitation sehr geeignetes Material, und tatsächlich geriet sie bald unter den Einfluß der jüdischen sozialistischen Parteien, in der Hauptsache der „Poale-Zion" und der „Zeire-Zion"; doch fand auch der „Bund" manche Anhänger unter ihnen. Wohl im Zusammenhang mit dieser Erscheinung erwachte in den Kreisen der jüdischen Anhänger der sozialistischen Parteien in Deutschland Interesse für die jüdischen Fragen, das einen gewissen Teil von ihnen in den Bann der jüdischen sozialistischen Parteien, in der Hauptsache der „Poale-Zion", zog. So zählte denn die während dieser Periode entstandene poale-zionistische Landespartei in