Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 655 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 655 herrschaft in Rußland festigte, je geringer die Aussichten wurden, sie durch eine innere Umwälzung zu Fall zu bringen, desto unentschlossener wurde die Opposition der jüdischen sozialistischen Parteien und desto stärker der Drang, sich den Bolschewiki in irgend einer Form anzuschließen, umsomehr, als nach dem Ausbruch der Revolution in Österreich und Deutschland die soziale Weltrevolution eine Zeitlang Sache der nächsten Zukunft zu sein schien. Durch Zwischenstufen aller Art, durch Anerkennung des Grundsatzes der Rätediktatur bei gleichzeitiger Verwerfung der Herrschaft der Bolschewiki, durch Aufgeben der Opposition, ohne die Verantwortung für die Taten der Regierung zu übernehmen, durch Annahme des kommunistischen Programms, ohne die Selbständigkeit der eigenen Partei aufzugeben, näherte man sich immer mehr der russischen kommunistischen Partei, verließ dann in hellen Scharen die eigenen Fahnen und löste sich in dieser Partei, bezw. in ihrer jüdischen Sektion, ganz auf. Dieser traurige Prozeß, der ungefähr um die Mitte des Jahres 1918 zuerst von den „Poale-Zion" inauguriert wurde, aber erst gegen Mitte 1919 eine Massenerscheinung zu werden beginnt und in der Geschichte der jüdischen sozialistischen Bewegung als die „Liquidationsbewegung0 bekannt ist, soll im nächsten Kapitel näher geschildert werden. Während sich solcher Gestalt in Rußland und der Ukraine das tragische Ende einer selbständigen jüdischen sozialistischen Bewegung vorbereitete, gingen auch im inneren Leben der jüdischen sozialistischen Parteien in den anderen Ländern Europas hochbedeutsame Änderungen vor. Die politischen Vorgänge am Ende des Weltkriegs, das Entstehen der polnischen Republik und der Zerfall Österreichs in eine Reihe selbständiger Staaten mußten natürlich auch die jüdische sozialistische Bewegung bedeutend beeinflussen. Der Schwerpunkt dieser Bewegung begann sich bereits vor dem Einsetzen der großen Liquidationen in Rußland nach Polen zu verschieben, das nunmehr das Land der größten jüdischen Massensiedlung in Europa war. Die bereits erwähnte, durch die Ereignisse des Weltkriegs notwendig gewordene Verselbstständigung der jüdischen sozialistischen Parteien in Polen vollzog sich jetzt auch in formeller Hinsicht, wobei die jüdische sozialistische Bewegung in dem nunmehr polnisch gewordenen Galizien nach Ablauf einer — allerdings ziemlich langen — Vorbereitungsperiode mit geringen Ausnahmen in die betreffenden Parteien des früheren russischen Okkupationsgebietes hineingezogen wurde. Der „Bund" hatte sich bereits auf seiner ersten Konferenz zur Zeit der deutschen Okkupation — Lublin, November 1917 — als selbstständige Partei proklamiert und dies auch auf seiner nach Ausbruch der Revolution einberufenen zweiten Parteikonferenz — Warschau, November 1918 — bestätigt. Im Jahre 1920 erfolgte der Anschluß an den „Bund" seitens der bisherigen Z. P. S. in Galizien— Vereinigungskonferenz in Krakau, April 1920. Diese nunmehr stärkste jüdische sozialistische Partei der Welt verfolgte, von Anfang an, trotz ihrer starken Radikalisierung und Annäherung an die kommunistische Internationale und trotz vieler Kämpfe im Innern der Partei selbst,