Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 654 (sequence 17)
- Language
- German
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654 Arjeh Tartakower: Das wichtigste Ereignis dieser, kurze Zeit dauernden, Vorherrschaft der jüdischen sozialistischen Parteien im jüdischen öffentlichen Leben in der Ukraine war die Schaffung der jüdischen Kulturliga, einer hochbedeutsamen Institution, die von eminentem Einfluß auf das jüdische Kulturleben im Lande werden sollte. Sie wurde Mitte 1918 ins Leben gerufen. Ihr Zweck war Förderung des Kulturlebens unter den jüdischen Massen der Ukraine, insbesondere unter der jüdischen Arbeiterschaft. Sie wurde in mustergültiger Weise organisiert und zerfiel in eine Reihe von Sektionen, die alle möglichen Gebiete des Kulturlebens umfaßten. Das von i{ir geschaffene Schulnetz in der Ukraine, die vielen Verlagsanstalten, Musikschulen, Theater waren ebensoviel jüdische Kulturstätten im Lande. Trotz der Stürme im politischen und gesellschaftlichen Leben der Ukraine, trotz mancher Verfolgungen seitens der schier endlosen Reihe aufeinanderfolgender Regierungen, gelang es der Kulturliga doch, ihr Werk weiterzuführen, bis sie von der Sowjetregierung verstaatlicht wurde. Obwohl sich auch ein Teil der Bürgerschaft an ihrem Ausbau beteiligte, so blieb sie doch in erster Reihe das Werk der jüdischen sozialistischen Parteien, die mit Stolz auf diesen großen Erfolg ihrer Arbeit hinweisen konnten. Der Ruf der ukrainischen Kulturliga drang weit über die Grenzen des Landes hinaus und veranlaßte die spätere Gründung gleicher Institute in fast allen Ländern der jüdischen Massensiedlung: in Sowejtrußland, Litauen, Beßarabien, der Krim, Sibirien, Polen und Amerika. Unterdessen entwickelten sich die Ereignisse in Rußland stürmisch weiter: die Oktoberrevolution des Jahres 1917 brachte die Rätediktatur der Bolschewiki. Im Kampf zwischen der Regierung Kerenskis und den Bolschewiki waren die Sympathien der jüdischen sozialistischen Parteien ganz auf der Seite Kerenskis. Mit Ausnahme der damals sehr geringen Zahl der jüdischen Mitglieder der R. K. P. hatten die Bolschewiken niemanden unter der jüdischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Während der Entscheidungskämpfe machte der „Bund" zwar einen vergeblichen Versuch, eine Versöhnung zwischen Kerenski und den Bolschewiken zustande zu bringen, ging aber dann zur unbedingten Oppositiqn über, bei der er am längsten unter allen jüdischen sozialistischen Parteien — die „Zeire-Zion" ausgenommen — verbleiben sollte. Die gleiche Taktik wurde auch von allen anderen jüdischen sozialistischen Parteien eingeschlagen. Die Schaffung eines jüdischen Kommissariats unter der Führung eines Mitglieds der jüdischen Sektion der R. K. P. wurde anfangs von allen Seiten heftig bekämpft, vom „Bund" übrigens auch deswegen, weil die Kompetenzen des Kommissariats über die kulturellen Angelegenheiten hinausgingen, was dem Grundsatz der national-kulturellen Autonomie widersprach — und als sich schließlich die „Poale-Zion" als die ersten dazu entschlossen, im Kommissariat mitzuarbeiten, motivierten sie dies damit, daß man es soweit als möglich unschädlich machen müsse. Diese Opposition, die von den Bolschewiken durch Verfolgungen aller Art beantwortet wurde, sollte indessen von keiner langen Dauer sein. Je mehr sich die Bolschewiki-