Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 653 (sequence 16)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 653 Konferenz waren 15 000 Mitglieder vertreten — und es gelang ihnen, die mehr oder minder widersprechenden anderen Teile des jüdischen Volkes nach sich zu ziehen. Das von einer Kommission der Vereinigten — Silberfarb, Churgin, Schatz — ausgearbeitete Gesetzesprojekt über die nationale Autonomie wurde trotz manchen Widerspruchs — insbesondere seitens des „Bundes", dem die Autonomie viel zu weit zu gehen schien — im Januar 1918 durch die Große Rada angenommen und sofort verwirklicht. Zum ersten Minister für jüdische Angelegenheiten wurde ein Mitglied der,, Vereinigten", Moses Silberfarb — Pseudonym Basin — berufen. Während der paar Monate seiner Amtstätigkeit wurde viel getan, insbesondere in der Richtung des Ausbaues der jüdischen Gemeinden und der Förderung der kulturellen Arbeit. Leider dauerte die jüdische Autonomie nur sehr kurze Zeit. Kurz nach dem Erscheinen des vierten Universals der großen Rada, das die volle staatliche Selbständigkeit der Ukraine proklamierte und trotz des heftigen Widerstandes der bundistischen Mitglieder und bei Stimmabhaltung der anderen jüdischen sozialistischen Deputierten angenommen worden war, rückten die Bolschewiken in die Ukraine ein und besetzten das Land. Damit war auch das Ende der jüdischen Autonomie in der Ukraine faktisch gekommen. Das jüdische Ministerium wurde in ein Volkskommissariat für jüdische Angelegenheiten umgewandelt und beschäftigte sich schließlich nur noch mit kultureller Arbeit. Zwar wurden die Bolschewiken bald von den deutschen Truppen vertrieben, aber die freiheitliche ukrainische Regierung kehrte nicht wieder zurück. Es begann das despotische Regime des Hetman Skoropadski, der für den Gedanken einer nationalen Autonomie gar kein Verständnis hatte. In der jetzt mit aller Kraft einsetzenden Kongreßbewegung der ukrainischen Judenschaft nahmen auch die jüdischen sozialistischen Parteien einen sehr regen Anteil. In dem Vorparlament, das infolge der Unmöglichkeit einer ungestörten Durchführung der Wahlen zum Kongreß aus Delegierten der jüdischen Gemeinden zusammentrat und unter 126 Mitgliedern 46 jüdische Sozialisten zählte, entbrannte ein bitterer Kampf zwischen der bürgerlichen Mehrheit, der sich auch die „Zeire-Zion" anschlössen, und den sozialistischen Parteien, hauptsächlich in der Sprachenfrage und der Frage der Weltlichkeit der jüdischen Gemeinden, sodaß sich die sozialistischen Parteien schließlich aus dem Vorparlament zurückzogen und keinen Anteil nahmen am nationalen Sekretariat, derEnekutive des jüdischen Vorparlaments. Auf eine ganz kurze Zeitgelangten diejüdischen Sozialisten wiederum ans Ruder, alsnach dem Umsturz in Deutschland und dem ihm folgenden Sturz der Regierung des Hetman Skoropadski, November 1918, die anfangs sehr demokratische und halbsozialistische Regierung Petljuras an die Wiederverwirklichung des Gedankens der nationalen Autonomie schritt und den Poale-Zionisten Rewutzki zum Leiter des jüdischen Ministeriums berief. Indessen zerrann die Illusion bald, Der wahre Charakter der Regierung Petljuras zeigte sich, und Rewutzki legte nach der Kriegserklärung an Sowjetrußland sein Amt nieder. Kurze Zeit hierauf wurde übrigens die Ukraine von den Sowjettruppen besetzt.