Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 652

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
652 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109826--7462-3109871
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

652 Arjeh Tartakower: Zion" ins Leben gerufen und es standen — und stehen sehr oft bis zum heutigen Tage — dieselben Leute an der Spitze beider Bewegungen. Aus dieser engen Verknüpfung mit Palästina läßt sich wohl auch die Stellung der„Zeire-Zion" zur Sprachenfrage im Judentum erklären, die sie scharf von der übrigen jüdischen sozialistischen Bewegung scheidet. Während bei allen jüdischen sozialistischen Parteien die Anerkennung des Jiddischen als der alleinigen Nationalsprache des jüdischen Volkes fast zu einem Dogma und Hebraismus und Reaktion zu Synonymen wurden, traten die „Zeire- Zion" als die erste und bis zum heutigen Tage — wenn wir von Palästina absehen — einzige jüdische sozialistische Partei mit einer ganz anderen Meinung hervor. Sie betonten, daß in Palästina nur die hebräische Sprache als die jüdische Nationalsprache anerkannt werden dürfe und forderten in der Galuth die volle Gleichberechtigung der beiden Sprachen. In der Folgezeit sollten manche „Zeire-Zion" - Landesparteien geradezu eine hebräische Sprachenpolitik einschlagen und sich große Verdienste um die Förderung der hebräischen Sprachkenntnisse durch Gründung von Schulen und Volkskursen erwerben. So traten denn die „Zeire-Zion" bereits gegen das Ende des Jahres 1917 als eine neue jüdische sozialistische Bewegung mit einer eigenartigen Ideologie und einer von allem Anfang an ziemlich großen Anhängerzahl — zur Zeit der zweiten Konferenz hatten sie 20 000 Mitglieder — hervor. Es dauerte freilich lange, bis man sich aus der Abhängigkeit von der zionistischen Landesorganisation befreite und eine selbständige Politik einschlug. Schuld daran war auch der anfangs doch nicht ganz sichere sozialistische Charakter der Bewegung, in der Anhänger zweier Richtungen untereinander um die Herrschaft kämpften: die Trudowiki, die einer ausgesprochenen sozialistischen Färbung abhold waren und in erster Reihe das Produktivierungsmoment betonten, und die Volkssozialisten, denen es4 auf sozialistische Politik ankam. Die inneren Reibungen unter den Anhängern der beiden Richtungen lähmten die Aktivität der Bewegung sehr, doch dauerte es ziemlich lange (bis zum Jahre 1920), bis es zu einer Scheidung und zur Herausbildung zweier Parteien kam, von denen nur die eine sich offen zum Sozialismus bekennen sollte. Doch war schon vorher in Polen, Anfang 1919» die erste Spaltung innerhalb der „Zeire-Zion" vollzogen worden. Die Unselbständigkeit der „Zeire-Zion" und aie Gegensätze zwischen ihnen und den anderen jüdischen sozialistischen Parteien zeigten sich besonders kraß anläßlich der Vorgänge in der Ukraine, die ein bedeutsames Blatt in der Geschichte der jüdischen sozialistischen Parteien bilden. Mit dem Ausbruch der russischen Revolution war die Ukraine de facto ein selbständiger Staat geworden, dessen Geschicke durch das Volksparlament, die Große Rada, in der auch viele Juden saßen, geleitet wurden. In diesem äußerst freiheitlich regierten Land sollte zuerst der Versuch gemacht werden, den Gedanken der nationalen Autonomie zu verwirklichen. Die eifrigsten Verfechter des Gedankens wurden die „Vereinigten", damals die stärkste jüdische sozialistische Partei im Lande — auf ihrer ersten allukrainischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.