Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 651

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
651 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109826--7461-3109870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus Arbeitsbedingungen im Wege des organisierten Klassenkampfes. Diesem Klassenkampf zogen übrigens die „Zeire-Zion", auch hierin im Gegensatz zu den anderen jüdischen sozialistischen Parteien, recht enge Grenzen. Wiewohl auch sie die Bedeutung des Klassenkampfmomentes für den Aufbau der jüdischen Wirtschaft betonten, so bestritten sie doch ganz entschieden den positiven Wert des zwischen der jüdischen Arbeiterschaft und den jüdischen Kleinunternehmern — meist Handwerkern — geführten Klassenkampfes, der in der Tätigkeit aller anderen jüdischen sozialistischen Parteien eine so bedeutende Rolle spielte. Es habe keinen Sinn, einen Klassenkampf gegen diejenigen zu führen, die ebenso ausgebeutet und ebenso blutarm seien wie die Arbeiter. Vielmehr gelte es, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen, also in erster Reihe eine normale Struktur des jüdischen Wirtschaftslebens zu erstreben. Dagegen betonten die ,,Zeire-Zion** sehr stark die positiven Werte des Klassenkampfes, worunter man alle Bestrebungen der Arbeiterschaft zur Besserung ihrer Lage verstehen müsse. So waren sie eifrige Anhänger der Idee der Genossenschaft, und zwar sowohl der Produktivwie auch der Konsumgenossenschaft. Klassenkampf im höchsten Sinne des Wortes schien ihnen auch das Vorhaben der jüdischen Arbeiter in Palästina zu sein: dort ein sozialistisches Gemeinwesen aus eigenen Kräften aufzubauen. Doch muß betont werden, daß von einer prinzipiellen Ablehnung der Idee des Klassenkampfes in der Periode der Entwicklung der sozialistischen „Zeire-Zion*'-Bewegung keine Rede sein kann. Erst der knapp nach Abschluß des Weltkriegs, unter dem direkten Einfluß des „Hapoel-Hazair" in Palästina, entstandenen gleichnamigen Bewegung in Europa — insbesondere in Deutschland —, die auf einer ausgesprochenen idealistischen Weltanschauung basierte, blieb es vorbehalten, sich gegen die Idee des Klassenkampfes, und zwar gegen ihre in ethischer Hinsicht zersetzenden Wirkungen, auszusprechen. Das Moment der Palästinaarbeit spielte in der Ideologie der „Zeire-Zion" eine geradezu entscheidende Rolle. War doch, wie erwähnt, die Partei unter dem Einfluß der palästinensischen Arbeiterschaft entstanden und blieb lange Zeit hindurch lediglich eine Bewegung der nach Palästina als Arbeiter strebenden Zionisten, wie sie ja auch bis zum heutigen Tage das Hauptkontingent der Einwanderer-Arbeiter nach Palästina stellt. So drehte sich denn das ganze Aktionsprogramm der ,,Zeire-Zion", sogar lange Zeit, nachdem sie eine sozialistische Partei geworden war, um die Frage der Palästinaarbeit, und diese Frage spielt auch bis zum heutigen Tage die bedeutendste Rolle in der Bewegung, so daß man die programmatische Gleichstellung der Palästina- und der Galutharbeit ruhig als eine rein formale bezeichnen kann. Daraus erklärt sich auch der überaus enge Zusammenhang zwischen den „Zeire-Zion" und den Organisationen „Hechaluz", die sich die Vorbereitung der Arbeiter für Palästina in der Galuth zum Ziel setzten und bereits im Lauf des Weltkriegs zu entstehen begannen, wenngleich die volle Entwicklung der Bewegung erst in die Periode nach dem Weltkrieg fällt. Tatsächlich wurden die Hechaluzorganisationen meist durch die ,,Zeire-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.